Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 91
System von Kräften, die sich in der Form von Sondersubstanzen
auswirken. Jede beseelte immaterielle Substanz der Welt, jede
Monade eine Kraft: das ist darum der Grundgedanke seiner
Lehre. War die cartesianische Seele ein mit der Eigenschaft
des Denkens begabtes materielles Atom gewesen, das mit
körperlichen Substanzen sogar in mechanischen Wechselwirkungen
stehen sollte, so vergeistigte jetzt Leibniz in seiner Monade diese
Materie, und der zentrale Begriff der Monade wurde die Kraft.
Kraft aber, als Grundfunktion des immateriellen Lebens, hieß
ihm Vorstellung. Die Monaden bestehen darum, indem sie den
Trieb des Vorsiellens besitzen. Wie aber können sie für sich diesen in
dem Sinne ausüben, daß jener einheitliche Zusammenhang der
Dinge zustande kommt, den wir alle, und jeder in wesentlich
gleicher Weise, vor uns sehen? Offenbar nur dadurch, daß
sede Monade in sich das Ganze außer sich vorstellt, daß sie ein
Spiegel ist der Welt. Indem so alle Monaden nur in sich
leben, aber zugleich alle dasselbe leben, scheint es, als ob sie
stetig aufeinander wirkten. Diese unbeeinflußte Koexistenz der
Monaden in ewigem Einklang ist freilich an sich nicht weiter
zu erklären; sie weist vielmehr zurück auf eine einmalige ur⸗
anfängliche harmonische Regelung und damit auf einen Gott
als den Setzer dieser prästabilierten Harmonie.
Trägt nun aber auch jede Monade in ihren Vorstellungen
das Ganze der Welt in sich, so kommt doch nicht jeder Monade
dies Weltganze zum Bewußtsein. Vielmehr in unendlicher
Stufenfolge, wie sie die Mannigfaltigkeit der Dinge aufweist,
erstreckt sich das Bewußtsein des Vorgestellten vom kleinsten
Umfang und der geringsten Deutlichkeit bei tiefstehenden
Monaden bis hinauf zur vollendetsten Ausdehnung und eminen⸗
testen Klarheit der Vorstellung in der Zentralmonade, in Gott.
Die tieferstehenden Monaden aber, in denen das Bewußtsein
ihrer Vorstellungen kaum oder gar nicht lebt, bilden das, was
man Materie zu nennen pflegt; sie sind bewußteren Monaden
zu gewissen Systemen angegliedert, indem diese sie in sich klarer
und deutlicher vorstellen: so werden sie mit den bewußteren
Monaden durch ein substantielles Band geeinigt und erscheinen