Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 93 
wie empirische Elemente des philosophischen Gottesbewußtseins 
erkennen lassen, hält sich Leibniz durchaus imerhalb der 
Schranken des Individualismus. 
Anderseits aber: wie weit greift er doch schon über seine 
Zeit, ja sein Zeitalter hinaus, ein Prophet subjektivistischer Zu— 
kunft! Er schränkt das Prinzip der mechanischen Naturerklärung, 
diese fast am meisten bewunderte Errungenschaft des 17. Jahr⸗ 
hunderts, ein, wenn er es auch nicht aufhebt; er behauptet die 
Existenz eines unbewußten Seelenlebens, durchbricht somit die 
reguläre Voraussetzung aller Philosophie des 16. bis 18. Jahr⸗ 
hunderts, daß der menschliche Geist nur so viel in sich berge, 
als er wisse, und entwickelt so eins der wichtigsten Fermente 
der späteren subjektivistischen Psychologie; er ordnet den Menschen 
in das Ganze der Natur ein und bedroht damit wenigstens 
nach gewissen Richtungen hin die anthropozentrische Stellung, 
die auch noch der spätere und späteste Individualismus ihm 
anwies; er kennt überhaupt schon wie für das Einzelne der 
Welt den Begriff des Organismus so für ihr Ganzes den 
Begriff der Entwicklung, wenn auch ohne spezielle Betonung 
der Begriffsnüance des zeitlichen Auseinanderhervorgehens, und 
arbeitet in dieser Hinsicht den ebenfalls noch unvollkommenen 
Entwicklungsbegriffen der Identitätsphilosophie des subjek— 
tivischen Zeitalters ebenso gewaltig vor wie den noch moderneren, 
an sich auch noch keineswegs vollendeten Entwicklungsbegriffen 
Darwins und der von diesem angeregten Denker. — 
Leibniz hat sein System niemals rein ausgearbeitet. Nur 
auf äußere Anlässe hin hat er gelegentlich einen Bau nach 
weiterem Aufrisse versucht; viele seiner wichtigsten Ideen hat 
er gelegentlich in Briefen und Unterredungen zuerst geltend 
gemacht, wenn nicht gar zuerst geschaffen. Sein System pul⸗ 
sierte in ihm; nicht widerspruchslos gewiß, aber um so 
lebendiger. Und so war es notwendig, daß auch seine Meinung 
über die Methode und Sicherheit begrifflichen Denkens, daß 
auch seine Erkenntnistheorie von ihm beeinflußt wurde. Es 
war der umgekehrte Weg gegenüber dem von der englischen
	        
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