Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
Philosophie des Zeitalters sonst eingeschlagenen, an sich gewiß 
auch nicht der methodisch richtigere. 
Erkenntnistheoretisch fand Leibniz zwei große Denkrich— 
tungen der cartesianischen und der baconischen Philosophie un— 
versöhnt nebeneinander vor: den mathematischen Rationalismus 
Descartes', der die Wirklichkeit denkend durch logische Ab— 
leitungen aus dem obersten Satze des menschlichen Selbst— 
bewußtseins begreifen wollte, wie dieses entwicklungsgeschichtlich 
ein Korrelat des Gottesbewußtseins und ein Erzeugnis des 
Individualismus war, — und den Empirismus Bacons mit 
seinem Ausgang von einer Erfahrung, die noch als durch reine 
Induktion erreichbar gedacht wurde. 
Leibniz verschrieb sich, seinem metaphysischen Standpunkte 
entsprechend und von diesem her orientiert, keinem dieser Prin— 
zipien; und sein konziliatorischer Geist war von vornherein 
von ihrer beiderseitigen Notwendigkeit gleich überzeugt. So 
forderte er mit Descartes die Zurückführung aller zu beweisen— 
den Sätze wenn nicht auf einen, so doch auf wenige höchste 
Sätze. Anderseits aber verschloß er sich den empiristischen 
Theorien nicht. Nur glaubte er beweisen zu können, daß die Er— 
fahrungserkenntnis schließlich nach den Prinzipien des Ratio— 
nalismus beurteilt werden müsse. Es ist ein Gang des 
Denkens, der, durch die Entwicklung der englischen Philosophie 
präformiert und auch teilweis beeinflußt, schließlich zu Kant 
hinüberleitet. 
Leibniz nahm nämlich im einzelnen, entsprechend der Vor— 
stellung von einem doppelten Ursprung des menschlichen Wissens 
aus Empirie und vernünftigem Denken, zwei Gruppen von 
Wahrheiten an: die ewigen oder metaphysischen Wahrheiten, 
welche der Methode Descartes', und die tatsächlichen Wahr— 
heiten, welche der Methode Bacons verdankt werden. Von 
ihnen beruhte ihm der Charakter der ewigen Wahrheiten 
darauf, daß sie bis zur Einsicht in die Unmöglichkeit des 
Gegenteils demonstriert werden könnten, so z. B. der Satz, daß 
die Summe der Winkel eines Dreiecks gleich zwei rechten 
Winkeln sei: ihr Prinzip ist der Satz des Widerspruchs. Die
	        
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