Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. —R 
tatsächlichen Wahrheiten dagegen, empirisch abgeleitet, beruhen 
ihm auf dem Nachweis kausalen Zusammenhanges mit anderen 
Tatsachen: ihr Prinzip ist mithin das des zureichenden 
Grundes. 
Indes dieser Unterschied gilt nun nach Leibniz nur für 
uns Sterbliche, nicht dagegen auch für die Gottheit, die viel— 
mehr imstande sein müsse, eine unendliche Analysis aus— 
zuführen, in deren Verlauf sich auch die vollkommene logische 
Notwendigkeit und damit ewige Wahrheit der tatsächlichen 
Wahrheiten ergäbe. Damit haben denn also auch die tat— 
sächlichen Wahrheiten schließlich und an sich den Wert einer 
unbedingten Notwendigkeit; nur uns sterblichen Menschen 
heinen sie zunächst bloß bedingt notwendig und damit zu— 
fällig. 
Es ist, wie man sieht, schließlich doch die Auflösung aller 
empirischen Erfahrung in Denknotwendigkeiten: es ist am Ende 
der Sieg noch des Rationalismus und des Individualismus. 
Denn die ewigen Wahrheiten wiederum sind ja nur insofern 
unbedingt notwendig, als sie gedacht werden müssen, und zwar 
innerhalb des Rahmens der obersten intellektualistischen Postu⸗ 
—DD— 
also eine begriffliche, und sie werden zu Wirklichkeiten nur 
durch Hypostasierung der zu der Zeit gegebenen Formen des 
Denkens. 
Aber in diese Auffassung der Dinge griffen nun bei 
Leibniz doch wiederum erkenntnistheoretische Erwägungen ein, 
die von neuem an seine metaphysische Gedankenwelt an— 
knüpften. Und da erfolgte schließlich eine letzte Lösung des 
erkenntnistheoretischen Problems, die weit über die rationalistische 
Gedankenwelt des Individualismus hinausgeht. 
Seibniz identifizierte nämlich die Welt der sinnlichen Er⸗ 
fahrung mit den unbewußten Vorstellungen des menschlichen 
Monadensystems, die Welt der ewigen Wahrheiten dagegen mit 
denjenigen klaren und deutlichen Begriffen, die sich in der 
menschlichen Zentralmonade, der Seele, vorfänden: die Zwischen⸗ 
stellung also, die in seinem metaphysischen System der Mensch
	        
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