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Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zwischen der allbewußten Gottheit und der unbewußten Materie
einnahm, benutzte er zur Projektion der Doppelrichtung, in der
sich ihm bisher die erkenntnistheoretischen Probleme entwickelt
hatten, auf die menschliche Seele.
Damit war für diese Doppelrichtung eine Unterlage ge⸗
wonnen, welche deren Auflösung in eine höhere pfychologische
Einheit gestattete. Der vollkommenere Zustand einer Monade
vor der anderen bestand nach dem metaphysischen Gedankengange
Leibnizens darin, daß sie von der unbewußten Vorstellungswelt,
die zunächst ihr Leben ausmachte, sich verhältnismäßig mehr zu
klarem und deutlichem Bewußtsein brachte, wie Leibniz es
nannte: mehr apperzipierte, als die andere. Danach mußte die
menschliche Vervollkommnung darin ihren Ausdruck finden, daß
ein Teil der zunächst in uns unbewußten Vorstellungswelt
apperzipiert zu werden begann. Geschah das nun zum ersten
Male, gleichsam in erster Potenz, so erhoben sich nach Leibniz
aus dem Unbewußten die sinnlichen Erfahrungen: es ist die
Erkenntnistätigkeit des Empirismus. Geschah es darauf noch⸗
mals in erhöhter Potenz, so entstanden die ewigen Wahrheiten:
es ist das rationelle Erkennen. So waren also Rationalismus
und Empirismus dem höheren Begriffe monadischer Apperzeption
unterstellt, und es fragte sich nun bloß noch, durch welche
Mittel denn die höhere, die rationale Apperzeption zustande
komme.
Hier liegen nun bei Leibniz die Beobachtungen vor, die
sein Denken unmittelbar dem Kants annähern. Er fand näm—
lich, daß die Beziehungsbegriffe, welche die Zusammenziehung
empirischer Erfahrungen unter dem Begriffe ewiger Wahrheiten
gestatten, Substantialität und Kausalität, nicht den Dingen
selbst innewohnen könnten, sondern vielmehr Kategorien des
intensiveren Vorstellungslebens der menschlichen Monade, mit-⸗
hin menschliche Vorstellungen sein müßten. Wie er es aus—⸗
drückte: der Lockesche Satz: „Nihil est in intellectu, quod non
fuerit in sensu“ sei falsch, er erhalte denn den Zusatz: „nisi
intellectus ipse“.