Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 97
Leibniz hat diese Lehren, die zugleich den Begriff der
Vervollkommnung der menschlichen Monade enthielten, also eine
degrenzt evolutionistische Tendenz in sich trugen, in ganzer Reife
nur in den „Nouveaux essais“ vorgetragen, in jenem seiner
Werke, das erst im Jahre 1765 erschienen ist. Sie sind
mithin seinen Zeitgenossen und deren nächsten Nachfahren un—
bekannt geblieben, während sie sich in der Zeit, in der sie
publiziert wurden, aufs engste mit den Darstellungen Kants
über die Gesetze des Intellekts berührten, die in der Dissertation
von 1770 veröffentlicht worden sind. Für sein Zeitalter da—
gegen blieb Leibniz als Erkenntnistheoretiker der bewunderte
größte Vertreter eines vorwiegend noch rationalistischen und
individualistischen Denkens.
Ganz in dieser Richtung liegen auch die Wirkungen, welche
die Philosophie Leibnizens auf den wichtigen Gebieten der Ethik
aund der Religionsphilosophie zunächst ausübte.
In der Ethik war für Leibniz nach der ganzen geistigen
Hdaltung des individualistischen Zeitalters die Vorstellung und
das Selbstbewußtsein, nicht der Wille, die bestimmende Kraft.
Frei ist, wer vernünftig ist, tüchtig, wer klare und deutliche
Erkenntnis hat; Weisheit und Tugend fallen zusammen. Denn
indem ein aufgeklärter Geist sieht, daß das eigene Wohl in
dem Wohle aller beschlossen liegt, entwickelt er aus dieser
Betrachtung her den Trieb, den Egoismus zu unterdrücken und
die Menschen zu lieben ohne Unterschied. So wird Leibniz
zum Apostel des liebenswürdigen, aber, weil vom Willen nur
sekundär befruchtet, untätigen kosmopolitischen Humanitäts-
ideals der vollendeten Aufklärung des 18. Jahrhunderts.
Nicht minder gewaltig war Leibnizens Einfluß auf dem
Gebiete philosophischer Betrachtung der Religion; und grade
auf diesem Gebiete, das zugleich die Auseinandersetzung mit
dem Christentum bringen mußte, bewegten sich wie die Ge—
danken seines Zeitalters so auch die seinigen am liebsten. Hier
war nun für ihn, wie für seine ganze Zeit, die Vereinbarkeit der
religiösen Wahrheit, welche dem Christentum zugrunde lag, mit
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. J.