38 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
dem vernünftigen Denken, das heißt dem geläuterten Selbst—
bewußtsein des individualen Menschen, oberstes Gesetz: Gott
und Unsterblichkeit der Seele galt es vernunftgemäß zu be—
weisen; ein Erfolg auf diesem Gebiete erschien als höchstes Ziel
aller Wissenschaft und vornehmlich der Philosophie. Wir wissen,
inwiefern Leibniz dieser Aufgabe für die Unsterblichkeit gerecht
zu werden suchte. Als Gegenstück zu seinen Bestrebungen auf
diesem Gebiete führte er aber auch alle bislang für das Dasein
Gottes aufgestellten Beweise noch genauer aus, vornehmlich den
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schmeichelnden Nuancen seiner Theorie von der prästabilierten
Harmonie der Welt bedachte. Damit aber war für ihn als
rationalistischen Philosophen das religiöse Interesse eigentlich
auch erschöpft; die Aufklärung über Gott und Unsterblichkeit
ist ihm an sich die Religion; indem die Menschenmonade Gott
und ihre eigene Welt deutlich erkennt, folgt für sie daraus ohne
weiteres die Liebe wie zum eigenen Geschlecht so zu Gott im
Sinne eines dankbaren Gefühls gegenüber der Weltordnung;
und Leibniz wäre nicht ein Sohn zugleich der pietistischen Zeit
gewesen, wenn er nicht das dürre Gerüst dieser Konstruktion
mit innigem Empfinden schließlich sinnvoll umkleidet hätte.
Aber anderseits bedurfte es doch einer Klärung der Ver—
hältnisse dieser Vernunftreligion zu den überlieferten religiösen
Anschauungen. Leibniz ist grade dieser Frage mit regstem Ge—
fühle nachgegangen. Da war es nun zunächst leicht, die
Offenbarungstatsachen des Christentums der religiösen Auf—
klärung einzuordnen. Ihre Wunder und ihre persönlichen
Traditionen erschienen geschichtlich wohlbeglaubigt, sie standen
nicht in Widerspruch mit den metaphysischen Tatsachen des
Gottesdaseins und der Unsterblichkeit; und wurden sie von
Leugnern als widernatürlich gekennzeichnet, so fand Leibniz von
seinem monadischen System aus leicht die Möglichkeit, sie viel—
mehr als nur übernatürlich zu bezeichnen.
Doch erschien ihm dabei trotzdem das geschichtliche Christen⸗
tum gegenüber den erhabenen Gegebenheiten der Aufklärungs—
religion als zufällige Wahrheit und darum als untergeordnet;