Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 99 
und eben von diesem Standpunkte aus hat er sein eifrigstes 
Bemühen an einen Ausgleich der ihm indifferent erscheinenden 
Idenhen der verschiedenen Bekenntnisse des Christentums 
gesetzt. 
Nur mit einer Tatsache der christlichen wie aller großen 
Religionen wußte er sich von diesem Standpunkte aus nicht 
Wzufinden: mit dem Heilsbedürfnis. Was hatte eine intellek— 
tualistische Lösung der religiösen Fragen vom Standpunkte des 
souveränen menschlichen Selbstbewußtseins aus, vorausgesetzt, 
daß sie den Gottesbegriff gewonnen hatte, mit der Erlösung der 
sündigen Menschenseele zu tun? Wie war überhaupt für sie 
das Dasein des Bösen verständlich? Sie mußte optimistischen 
Charakters sein. 
Aber gleichwohl drängte sich das Problem des Bösen auf, 
und sein Dasein bedurfte der Rechtfertigung. Leibniz wäre 
der letzte gewesen, der sich der Beantwortung dieser Frage 
hätte entziehen wollen; in immer wiederholten Lehren einer aus⸗ 
ührlichen Theodicee ist er ihr nahegetreten. Er führte da aus: 
Im Grunde gebe es kein Übel in der Welt, sondern nur Un— 
vollkommenheit: die niedere Monade mit einem weniger 
ausgebreiteten Bewußtseinskreise erscheine unvollkommener als 
die höher organisierte. Diese Unvollkommenheit sei mithin 
metaphysisch begründet. Vom metaphysischen Standpunkte aus 
aber handle es sich nicht um die Einzelmonade, sondern nur 
um das monadische System als Ganzes: jede individuelle Be— 
trachtung zeige unter allen Umstünden Mängel, die sich vielleicht 
eben als universale Vorteile herauszustellen imstande seien; 
allein die Frage also, ob dies ganze System als solches voll⸗ 
ommen sei, könne aufgeworfen werden. Diese Frage aber 
trägt Leibniz kein Bedenken mit der Behauptung zu beant⸗ 
worten, daß die bestehende Welt als die unter allen möglichen 
Welten befste zu betrachten sei. Und für diese Behauptung 
erbietet er auch den Beweis. Er knüpft dabei an an den Gegen⸗ 
satz von Universalismus und Indibidualismus. Das End— 
liche, das Individuelle sei an sich, eben weil es endlich sei, 
notwendig unvollkommen. Da nun die Welt aus endlichen
	        
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