100 Neunzehntes Bnuch. Drittes Kapitel.
Wesen bestehe, so müsse sie, wie auch immer sie gestaltet sei,
notwendig Unvollkommenheiten bergen. Seien nun aber ver—⸗
schiedene, wenn auch immer unvollkommene Welten denkmöglich,
so folge aus der Allweisheit und Allgüte Gottes, daß durch
diesen nur diejenige dieser möglichen Welten verwirklicht worden
sein könne, die die verhältnismäßig beste sei.
Es ist ein Beweis, der sich durchweg auf intellektualistischem
Gebiete bewegt, der auf Denkmöglichkeiten hinausläuft und
aus deren Hypostasierung die Wirklichkeit hervorgehen läßt.
Es ist ein Beweis spezifisch rationalistischen Denkens. Hier,
auf dem für das zeitgenössische Empfinden vielleicht dring—
lichsten Gebiete philosophischer Aufklärung zeigt sich Leibniz
noch einmal' als ein Denker durchaus nur eben seiner Zeit.
Grade auf religiösem Gebiete bleibt ihm das Individuum
die Monas, die abgeschlossene Einheit, die starr in und
mit dem All geschaffen ist, und die bei aller intellektualen
Liebe zu einem weltschöpferischen Wesen dennoch nicht Hilfe noch
Trost gegenüber einem als metaphysisch unabweislich be—
trachteten Gefühl der Unvollkommenheit finden kann, sondern
sich damit zu begnügen hat, die relativen Vollkommenheiten der
hesten aller möglichen Welten enthusiastisch zu betrachten.
IV.
l. War nun alsbald ein bedeutender Einfluß des Leibniz—
schen Denkens als eines Ganzen auf den Einzelbetrieb der
Wissenschaften zu erwarten? Nur jemand, der mit der Ge—
schichte der Wissenschaften weniger vertraut ist, könnte es er—
warten.
Die Naturwissenschaften hatten in der Zeit, da sich lang—
sam eine weiter verbreitete Vorstellung der Gesamtauffassung
—DD—
aischen Entwicklung schon hinter sich; insofern sie aber noch
weiter blühten, waren sie weit davon entfernt, sich durch die
Bedenken und Einwände Leibnizens von dem einmal betretenen
Wege mechanischer Interpretation abschrecken zu lassen. Ja