Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. —101 
wie vielen der kleineren Arbeiter, die schon in irgendeinem 
Spezialgebiete tätig waren, mochte es gegenwärtig sein, daß sie 
in der Ausuübung ihrer Methode überhaupt von irgendeinem 
der großen Denker jüngst verflossener Zeit abhängig sein 
müßten! Glauben doch noch heute die Mikrologen, gänzlich 
boraussetzungslos exakt zu sein, während grade sie, ohne 
weitere Ansicht, Aussicht und Umsicht, besonders eng gefesselt 
an dem Gängelbande irgendeines Theoretikers dahinzuwandeln 
pflegen. Die einzelnen tüchtigen Arbeiter aber, die in der ersten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei abflauender allgemeiner Be— 
wegung, in den Naturwissenschaften tätig waren, bewegten sich 
bewußt noch immer in den von Descartes etwa und Newton 
eingefahrenen Geleisen; und selbst Kant hat sich in seinen 
naturwissenschaftlichen Schriften noch stark von Newton be— 
einflußt gezeigt. 
Naturwissenschaftlich wirksam wurden die Ideen Leibnizens 
erst in einem ganz anderen Zusammenhange. „Mich dünkt,“ 
äußerte Herder später in seinen „Ideen“, „wir gehen einer 
neuen Welt von Kenntnissen entgegen, wenn sich die Beobach— 
tungen, die Boyle, Boerhave, Hales, Gravesand, Franklin, 
Priestley, Black, Crawford, Wilson, Achard u. a. über Hitze 
und Kälte, Elektrizität und Luftarten, samt anderen chemischen 
Wesen, und ihren Einflüssen ins Erd- und Pflanzenreich, in 
Tiere und Menschen gemacht haben, zu einem Natursystem 
sammeln werden.“ In der Zeit, da Herder diese Worte 
schrieb, war eine solche Sammlung schon stark im Werke, und 
eben Herder hat nicht wenig an ihr teilgenommen. Denn die— 
jenigen, welche mit dieser neuen Synthese begannen, waren, 
odom Standpunkte beruflichen Betriebes gerechnet, Laien; 
Goethe unter anderen gehörte zu ihnen; ihr erster Vollender 
aber in mannigfachem Sinne war Schelling, und erst nach 
diesem ist die sogenannte Naturphilosophie, die sich in der bisher 
geschilderten Art seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts ent⸗ 
wickelt hatte, von Fachleuten aufgenommen und etwa zwei 
Jahrzehnte betrieben worden. Innerhalb dieser Naturphilosophie 
sind nun auch Gedanken und Anregungen Leibnizens vielfach
	        
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