Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 103 
Freiheiten individualistischen Denkens des Weges unkundig ihren 
Marsch in eine unsichere Zukunft angetreten hatten. 
Im Mittelalter war die Kirche Quelle und Behüterin zu⸗ 
gleich der Erkenntnis gewesen. Dementsprechend war die 
Hauptaufgabe der mittelalterlichen Wissenschaft, wenn wir 
unter diesen Umständen von einer solchen sprechen wollen, die 
gewesen, etwa noch streitige Fragen auf Grund anerkannter 
Wahrheiten zu entscheiden. Und Mittel zur Entscheidung war 
dabei die Erörterung gewesen, sei es in Schriften, sei es in 
mündlicher Disputation, woher sich die große Bedeutung der 
letzteren ohne weiteres erklärt: es war wie ein Rechtsstreit, in 
dem auf Grund einer untrüglichen Kodifikation Urteil gefällt 
vwerden kann. 
Dieser glückselige Zustand hatte natürlich aufgehört, so— 
bald sich irgendwie stärkere Regungen selbständigen individuellen 
Denkens zahlreicher, als Anfang schon einer sozialpsychischen 
Erscheinung, eingestellt hatten. Es war bereits zur Zeit der 
entschiedeneren Entwicklung des Nominalismus geschehen. Nun 
zerriß die Einheit zwischen Religion und Erkenntnis: und 
Friede zwischen Dogma und Wissenschaft konnte von diesem 
Augenblicke an gerechnet erst dann wieder eintreten, wenn es 
zum Gemeingut des Denkens geworden war, daß die Funktionen 
des Erkenntnisvermögens außerhalb des Glaubensbereiches der 
Religion lägen. 
Aber trat dieser Moment so bald ein? Erst das Zeitalter 
des Subjektivismus hat ihn bringen können, aus Gründen und 
Zusammenhängen heraus, die wir später genauer kennen lernen 
werden; vom 15. bis zum 18. Jahrhundert aber machte die 
Religion, machten die Bekenntnisse noch entschiedenen Anspruch 
auf die Beherrschung des Denkens. Und während es ihnen 
gegenüber den Naturwissenschaften weniger gelang, diesen An⸗ 
—XD— 
Gebieten bewegten, für die es ein von kirchlicher Seite her ent— 
vickeltes kanonisches Wissen nicht gab, fügten sich die Geistes— 
wissenschaften, mit ihrem Stoffe fast ganz im Bereiche kirchlichen 
Denkens gelegen, zumeist noch ihrem Befehle. Natürlich mußte
	        
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