104 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
das einen fortwährenden Vorrang, wenn nicht gar eine weitere
ungebrochene Herrschaft der Theologie bedeuten.
In dieser Hinsicht ist es zunächst für das innere Deutsch-
land bezeichnend, daß nach dem Dreißigjährigen Kriege unter
den Universitäten des protestantischen Nordens — und dieser
fast allein kommt für die Geschichte der Wissenschaften in Be—
tracht — anfangs Helmstedt führend war und danach, in den
ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, Halle. Beide noch
infolge ihres Verhältnisses zur Theologie: von Helmstedt ging
damals durch Georg Calixt und seine Schüler eine erste neue
Regung kraftvoller Betätigung auf kirchlichem Gebiete aus; in
Halle gaben die Pietisten den Ton an, neben ihnen freilich der
Rationalismus, der aber schließlich dem Pietismus zu weichen hatte.
Und erst Göttingen, 1734 gegründet, war eine von der Herr⸗
schaft der Theologie ganz freie Universität; erst seit Mitte des
18. Jahrhunderts, mit dem Eintritte subjektivistischer Strö—
mungen, hat eben diese Universität die Führung in der Ent—
wicklung der deutschen Geisteswissenschaften angetreten.
Vorher aber, seit dem 16. Jahrhundert, hatten sich unter
den soeben geschilderten Verhältnissen fast nur auf reformiertem
Boden, und hier wieder vornehmlich nur in den Niederlandeu,
die Bedingungen ergeben, unter denen, bei allmählicher Befreiung
aus dem Gäugelbande des christlichen Dogmas, eine zeitgemäße
Richtung auf die selbständige Entwicklung der Geisteswissen—
schaften und damit bei deren vielfach noch praktischem Charakter
auf die Begründung einer natürlichen Religion, eines natür—
lichen Rechts, einer natürlichen Sittenlehre genommen werden
konnten. Dabei waren es gleichsam noch unbewußte Be⸗
strebungen gewesen; es war die naive Emanzipationszeit
moderner Geisteswissenschaft. Unklar vielfach und gärend
waren daher die einzelnen Erscheinungen charakterisiert ge—
wesen; es hatte sich geltend gemacht, daß ein einheitliches,
etwa gar schon psychologisches Prinzip der Reduktion für die
S. Bd. VI, S. 6s ff.