Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 105
Geisteswissenschaften noch längst nicht gefunden war. Und
so hatten sich höhere geisteswissenschaftliche Bestrebungen vor—
nehmlich im Praktischen erschöpft: Erziehungslehre, Um—
hildung der Konfessionsverhältnisse, Neuordnung des Staats—
wesens waren langsam in den Horizont ihrer Betätigung ge—
treten 1.
Zudem waren aber auch für sie die Prinzipien nicht völlig
schon aus eigener Kraft des individualistischen Zeitalters ge—
wonnen worden. Vielmehr war es die Antike mit ihren philo—
sophischen, namentlich stoischen Überlieferungen gewesen, die den
Grundgedanken einer natürlichen, d. h. vom Dogma freien
Wissenschaft darbot und seine Auswirkung auf den wichtigsten
praktischen Gebieten mächtig förderte. War dies nun anfangs
gewiß ein Vorteil, so ließ sich doch nicht verkennen, daß sich
aus dieser Unterstützung leicht eine neue Herrschaft, eine
Vormundschaft zur Seite des Dogmas entwickeln konnte und
zegen Schluß des 16. Jahrhunderts schon teilweis entwickelt
hatte.
In diese Verhältnisse hinein brachte nun die erste Hälfte
des 17. Jahrhunderts wenigstens auf niederländischem Boden
wesentliche Wandlungen. Um diese Zeit hatte, ganz abgesehen
von Dogma und Antike, der autonome Intellekt als die leitende
seelische Funktion des Zeitalters wenigstens auf einem Gebiete
tatsächlich schon die Herrschaft anzutreten begonnen: auf dem
der Mathematik und der Mechanik. Und von hier übertrug
mnan nun den Verstand als oberstes Werkzeug der Forschung
entschiedener als bisher auch auf das Geistesleben; und indem
man dies tat, erschien sehr bald auch das Geistesleben selbst
als wesentlich, wenn nicht ausschließlich intellektuell. Es war
eine Auffassung, die seit Descartes systematisch und meta—
physisch gewendet vorlag: Begrenzung des individualen
Seelenlebens rein auf sich selbst, Scheidung desselben von
allem inneren Zusammenhang mit der Außenwelt mittels des
Merkmals der Einheit, diese Einheit aber vorhanden nur in der
Val. Bd. VI, S. 168 ff.