106 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Funktion des Verstandes: das sind die klaren und gemein—
verständlichen Prinzipien, unter deren Herrschaft sich von nun
ab die Geisteswissenschaften ein Jahrhundert hindurch entwickelt
haben.
Waren aber damit die Geisteswissenschaften auch da, wo
sie sich an sich äußerlich ungestört aus sich selbst entwickeln
konnten, wirklich schon auf sich selbst gestellt? Keineswegs!
Auch hier hatten die schützenden und bevormundenden Mächte
der bisherigen geisteswissenschaftlichen Entwicklung noch nicht
ihren Aufgaben und Ansprüchen entsagt, geschweige denn
daß sie zugrunde gegangen wären. Dogma und Antike be—
ttanden noch, und nur langsam konnten sie aus ihrer einflußreichen
Stellung verdrängt werden.
Verhältnismäßig noch am leichtesten gelang das begreiflicher—
weise mit der Antike. Der alte Humanismus als Gesamtprinzip
der Lebensführung war eigentlich schon durch die Reformation ge—
brochen worden, wenigstens für die lutherischen Lande. Zwar
hatte Luther niemals vergessen, daß er seinen Glauben philologischem
Forschen in der Bibel verdankte, und so hat er im großen und
ganzen nie den Standpunkt einer gewissen Ausgleichung theo—
logischer und philologischer Interessen verlassen. Allein nach seinem
Tode wurde seine Lehre immer antirationalistischer und damit
antihumanistischer dogmatisiert; die Konkordienformel vom Jahre
1580 bezeichnet etwa den Abschluß dieser Bewegung. Damit
wurden denn auch die humanistischen Studien immer mehr ver—⸗
dächtigt; es galt als gar schwer zu erkennen, was bei den heid⸗
nischen Skribenten dem Christentum entgegen sei, „dieweil das
Gift so heimlich darin verborgen steckt und oftmals einen
Schein herrlicher Tugenden von sich gibt“!, und so erklärten
die Weiseren unter den Theologen alle „heidnischen“ Bücher
kurzweg als bedenklich. Freilich: war mit alledem einer freien
Geisteswissenschaft Bahn gebrochen? Verdrängt war die Antike,
aber zugunsten um so ausschließlicherer Herrschaft des Dogmas.
iStatius Büscher bei Paulsen, Gel. Unterr, S. 304, Anm.