Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 107
Da stand es am Ende in den reformierten Gebieten noch
besser. Hier, vornehmlich in den Niederlanden, blühte die
klassische Philologie noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch?
und hielt dem Dogma den Widerpart. Aber grade hier erhob
sich dann der junge Rationalismus frisch und sieghaft gegen
die Antike, nachdem er das weite Eroberungsgebiet der Natur—
wissenschaften überschaut hatte. Wie Bacon den Menschen den
Rat gegeben hatte, die Augen aufzumachen, wenn sie etwas von
den Dingen erfahren wollten, und nicht die Bücher, so hat
Descartes wohl auf ein Skelett gezeigt und gesagt: „Das sind
meine Bücher!“ Eine allgemeine Verachtung dessen, was
Herder später einmal das „blinde Herkommen“ genannt hat,
und darunter vor allem der Antike, trat ein auf lange Zeiten,
und noch Haller, der sonst den Alten schon wieder näher
tand, sang:
O Meßkunst, Zaum der Phantasie!
Wer dir will folgen, irret nie;
Wer ohne dich will gehn, der gleitet.
Aber dieser zunächst naturwissenschaftliche Rationalismus
hatte den Vorteil, sich nicht nur gegen die Antike zu wenden,
sondern zugleich auch wenn nicht gegen das Dogma, so doch
gegen die Theologie. Gewiß hatte die Theologie schon durch
ihre innerliche dogmatische Verknöcherung inzwischen selbst den
Anspruch darauf verwirkt, noch weiter Königin der Wissen—
schaften zu heißen: um vom Katholizismus zu schweigen, so
war innerhalb des Protestantismus eine Scholastik empor—⸗
gewuchert schlimmer fast als die des 14. und 18. Jahr⸗
hunderts; man stritt sich um subtile Probleme, wie die, ob
Christus auch im verklärten Leibe allgegenwärtig sei, oder ob
der Mensch sein Heil, falls es ihm beliebt, zurückstoßen könne,
u. dgl.; an einigen Universitäten wurden eigens Professuren für
protestantische Polemik errichtet; die einfache philologische
Erklärung der biblischen Bücher verfiel; in den Vorlesungs—
Bgl. Bd. VI, S. 57 ff.