108 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
verzeichnissen der Universität Jena z. B. sind für die Jahre
1656, 1688, 1689, 1690, 1695 keine exegetischen Kollegia an—
gekündigt. Und dieser Ruin war nicht bloß in den Gebieten
des Luthertums eingetreten, sondern nicht minder in denen des
reformierten Bekenntnisses. Aber die rationalistische Richtung,
aun immer mehr auch in die geisteswissenschaftlichen Probleme
eintretend, begnügte sich nicht mit der Feststellung des Ruins.
Sie sah vielmehr in ihm mindestens einen der wichtigsten Be—
weise für die Erscheinung, daß, entsprechend der rationalistischen
Tendenz auf eine einzige, natürliche Religion, der Unterschied
wenigstens der Konfessionen, wenn nicht gar der Religionen
hinfällig geworden sei, und sie zog daraus die praktische
Folgerung, zunächst auf eine Vereinigung wenigstens der Kon—
fessionen hinzuarbeiten.
Man sieht alsbald, wie sehr diese Absicht von der Tendenz
der Religionsgespräche verschieden war, jener Versuche des
16. Jahrhunderts, die sich freilich auch noch durch das 17. Jahr⸗
hundert hinzogen, zwischen Katholiken und Protestanten eine
Einigung in dem Sinne herzustellen, daß den Protestanten der
Rücktritt in die alte allgemeine Kirche ermöglicht werde. Hier
handelte es sich nicht um Reunionsbestrebungen, sondern um
einen Ausgleich der Bekenntnisse in einer höheren, über allen
Bekenntnissen stehenden, mehr oder minder rational gedachten
Anschauung.
Praktische Versuche eines solchen Ausgleichs begannen nun
schon sehr früh im reformierten Gebiete, in den Niederlanden,
in Frankreich. In Utrecht hielt um die Wende des 16. Jahr⸗
hunderts Hubert Duifhuis, Pfarrer zu St. Jakob, in seiner
Kirche zweierlei Gottesdienst, katholischen und reformierten;
wenn er das Ite, missa est gesprochen hatte, machten die
Katholiken den Reformierten Platz, die nun ihren Gesang an⸗
stimmten: „Erheb das Herz, tu auf den Mund“!. Und zur
selben Zeit etwa schrieb Bodinus sein „Heptaplomeres“ be—
titeltes Gespräch, das die Verwandtschaft aller Religionen zu
Dilthey, Archiv V. S. 493 4.