Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 109 
erweisen vorhatte: denn in allen fände sich monotheistischer 
Glaube, ein sittliches Bewußtsein im Sinne der Zehn Gebote, 
Bewußtsein der Freiheit, der Unsterblichkeit und der jenseitigen 
Vergeltung. So bilden denn nach Bodinus alle Religionen 
zusammen eine friedliche Familie, in der jeder die Besonder— 
heiten der Einzelreligion durch die Heiligkeit seines Wandels 
zu rechtfertigen habe: und ihnen allen zugrunde liege die uni⸗ 
dersale Idee eines natürlich gegebenen Theismus. 
Wie nun hier, auf reformiertem Boden, vom Gedanken 
HRer natürlichen Religion aus vor allem die Einheit der christ— 
lichen Konfessionen, ja aller Religionen betont worden war in 
der praktischen Absicht, diese Einheit womöglich tatsächlich 
Jerbeizuführen, so wurde dieser Gedanke auch im Innern 
Deutschlands verfolgt und bildete da die bewegende Kraft 
einer Strömung, die von der zweiten Hälfte des 16. bis zu 
den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts immer mehr 
anschwoll. Und wie mußte er, ganz abgesehen von dem all— 
gemeinen geistigen Hintergrund, aus dem er hervortrat, weitere 
Verbreitung und Zustimmung finden in einem Zeitalter und in 
Ländern, in denen noch das Beil des Henkers auf ketzerische 
Köpfe herniederfiel, und die vor allem der Ruhe und des Friedens 
Gottes bedurften nach dem unaufhörlichen Drange des gewal— 
nigsten aller Religionskriege! 
Die Bestrebungen im inneren Deutschland wurden in ge— 
wissem Sinne zunächst eingeleitet durch die im Westfälischen 
Frieden, freilich noch im Geiste des 16. Jahrhunderts, aus— 
gedrückte Erwartung, es werde dem staatlichen und bürger⸗ 
lichen Frieden auch eine Wiedervereinigung der Konfessionen 
folgen. Dann wurden sie, soweit Katholizismus und Luther⸗ 
tum in Betracht kam, von dem Kurfürst-Erzbischof von Mainz 
Johann Philipp von Schönborn in den Jahren 1661 bis 1678 
aufgenommen: und nachdem Papst Innozenz XI. von 1675 
bis 1679 eine Reunion der Protestanten im alten katholisch— 
propagandistischen Sinne versucht hatte, vertrat schließlich 
Leibniz diese Sache, wobei ihm im Jahre 1684 tatsäch— 
lich zunächst auf dem Gebiete diplomatischer Verhandlungen
	        
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