Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 111
Fassen wir nun alle diese Momente zusammen: die gemein⸗
same Stellungnahme von Rationalismus und Pietismus gegen
das eifernde Kirchentum, das Aufkommen der Toleranz, die
indauernden Versuche der Kirchenvereinigung, den Verfall end⸗
lich der orthodoxen Theologie, so begreift sich, daß jetzt wie
von der Antike, so auch vom Christentum in seiner herrschenden
Ausgestaltung wenigstens einiger, wenn auch schon keineswegs
vpöllig freier Raum gelassen werden mußte für eine selbständigere
Entfaltung der Geisteswissenschaften, insofern sie auf dem Ver—
iunftprinzip bestanden.
2. Es lag aber in der Natur der inzwischen vielfach ver—
änderten allgemeinen Verhältnisse, daß auf dieser höheren Fort—
bildungsstufe der Geisteswissenschaften keineswegs alle die An—
fänge natürlicher Auffassung, die schon der früheren Periode
des 16. Jahrhunderts namentlich in den Niederlanden, verdankt
wurden!, nun in gleicher Weise weiter gepflegt wurden. Zu—
aächst traten von den Bestrebungen auf ein natürliches
Religionssystem hin, auf ein Naturrecht in Staat und Gesell⸗
schaft und eine natürliche Sittenlehre die ersten und die letzten
mehr oder minder zurück. Sehr begreiflich: die Tendenz zur
Begründung einer natürlichen Religion hatte im 16. Jahr—
hundert dem freieren Betriebe der Geisteswissenschaften erst Zu—
gang eröffnen müssen; jetzt war eine solche Aufgabe nicht mehr
zu erfüllen, während man gleichzeitig zum Kampfe gegen das
dogmatische Christentum als solches noch nicht weit genug ge—
kräftigt schien; und die Sittenlehre war noch viel zu sehr mit
der Theologie verknüpft, als daß sie ohne Fortführung der
natürlichen Religionswissenschaft allein hätte in Frage kommen
können. Religion und Sitte traten daher in dem Jahrhundert
nach dem großen Kriege im wissenschaftlichen Betriebe mehr in
den Hinterarund, um dann freilich nach dieser Zeit, seit
Bal. Bd. VI. S. 168 ff.