112 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
spätestens der Mitte des 18. Jahrhunderts, nach dem Siege
der Aufklärungswissenschaften auf den anderen Gebieten um so
lebhafter wieder gepflegt zu werden: seit dieser Zeit bildete die
Auseinandersetzung mit ihnen die Hauptaufgabe und zugleich
das höchste und letzte Ziel des rationalen wissenschaftlichen Be—
triebes.
Das alles schloß freilich nicht aus, daß der im besonderen
Sinne praktische Teil der ethischen und theologischen Wissen—
schaften, die Erziehungslehre, dennoch eifrig gepflegt wurde.
Und hier setzten sich denn in der Tat die rationalen Prinzipien
in energischen Fortschritten gegen die Antike, langsamer gegen
die Theologie schließlich durch. Das war um so wichtiger, als
sich Melanchthon, der Praeceptor Germaniae des 16. Jahr⸗
hunderts, um die elementaren Fragen der Erziehung eigentlich
wenig gekümmert hatte. Er hatte in seiner akademischen Lehr⸗
tätigkeit gelebt und gewebt; man hat das Wort von ihm,
außer der Universität sei überhaupt kein Leben. Jetzt dagegen
erkannte man bei näherem und intensiverem Zusehen die Be—
deutung des elementaren Unterrichts für das Schicksal der
Nation und begann in dieser Richtung zu denken und zu
wirken. Die frühesten erlauchten Namen, die auf diesem Ge—
biete begegnen, sind die des genialen Wolfgang Ratichius
(1571 - 1685) und des Johann Amos Comenius (1592 - 1671).
Theoretiker und Praktiker zugleich, fanden beide bei Fürstinnen
und Fürsten ihrer Zeit Wohlwollen und Unterstützung, Ratichius
in Anhalt, Thüringen, Hessen und in der Pfalz, Comenius vor—
nehmlich in Thüringen; Herzog Ernst der Fromme von Gotha
(1601 - 1675) war einer der ersten Fürsten, der comenianische
Erziehungsgrundsätze in seinem Lande einführte.
Die rationalistischen Pädagogen wandten sich nun zwar
nicht unmittelbar gegen alles, was das Leben antirationalistisch
noch band, gegen Dogma vornehmlich und Humanismus. Sie
hielten z. B. vom Humanismus durchaus wenigstens noch das
Latein fest: ja dies sollte sogar als Sprache der Wissenschaft
noch allgemeiner verbreitet und deshalb nach einer möglichst