Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 119
Aufschwung der geschichtlichen Betrachtung und ein Steigen der
historiographischen, wenngleich immer noch schwerfällig⸗gelehrt
charakterisierten Tätigkeit.
Die alte theologisch-universalistische Einteilung der Ge—
schichte nach den Weltaltern Daniels wurde verlassen und die
bisher mehr naiv befolgte nationale Abgrenzung des geschicht-
lichen Stoffes mit strenger Rücksicht auf den Staat durch—
geführt: an die Stelle der Bücher über die vier Monarchien trat
die europäische Staatengeschichte, mochte sie nun „teutsche
Kayser- und Reichshistorie“ sein oder die Geschichte der einzelnen
außerdeutschen Staaten und innerdeutschen Länder. Und mit
der Begrenzung des Stoffes auf die rein politische und allen—
falls noch roh verfassungsgeschichtliche Seite des historischen
Lebens wurde zugleich eine intensivere Betrachtung dieses einen
Teiles verbunden. Man begann jetzt „pragmatisch“ darzustellen,
man glaubte die Aufgabe des Geschichtschreibers erst dann ge—
löst, wenn nicht bloß die politischen Taten und Greignisse be—
schrieben, sondern auch ihre innere Verbindung in der Klar—
legung der Motive der handelnden Personen ans Licht gebracht
waren. Es war eine Entwicklung, die zwar noch nicht den
tieferen entwicklungsgeschichtlichen Sinn der Geschichte erschloß,
e doch einen wertvollen Fortschritt zu dessen Entdeckung be—
eutete.
Die ersten großen Meister der pragmatischen Staaten⸗—
geschichte in diesem Sinne sind naturgemäß Männer gewesen,
die der naturrechtlichen Bewegung angehörten oder dieser
wenigstens nahestanden: so Pufendorf in seiner „Einleitung zu
der Historie der vornehmsten Reiche und Staaten, so jetziger
Zeit in Europa sich finden“ und in seinen Spezialdarstellungen
der neueren schwedischen und brandenburgischen Geschichte, und
Leibniz, der größeste vielleicht dieser Reihe, deutscher Terri⸗
torial- und Landeshistoriker zugleich, dessen Verdienste leider,
da sein hervorragendstes Werk, die Reichsgeschichte, erst im
19. Jahrhundert gedruckt worden ist, der weiteren Entwicklung
der deutschen Geschichtswissenschaft nur teilweis zugute ge—
kommen sind.