Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
Weltanschauung nach unten. Die Zeit der Popularisierung der 
rationalistischen Wissenschaft und der rationalistischen Philosophie, 
die Zeit der Aufklärung begann. 
Die Wirkungen der Aufklärung haben sich schöpferisch bis 
etwa gegen den Schluß des 18. Jahrhunderts, wenn nicht 
länger, erstreckt; erzieherisch bestehen sie noch heute fort. So⸗ 
weit sie aber seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts 
noch zu schaffen waren und nicht bloß sich geltend zu machen 
brauchten, lassen sich zwei Perioden ihrer Durchbildung unter⸗ 
scheiden, die sich im ganzen und großen mit den beiden Hälften 
des 18. Jahrhunderts decken, jedenfalls sich ziemlich genau 
um die Mitte dieses Jahrhunderts scheiden: man kann die erste 
als die des Thomasianischen und Wolffschen Einflusses, die 
— 
deutschen Popularphilosophen, vornehmlich Mendelssohns, be— 
zeichnen. 
Zunächst kam es natürlich darauf an, die Ergebnisse des 
Denkens von Leibniz, soweit sie dem allgemeinen neueren 
Fassungsvermögen entsprachen — und das hieß in einer teilweis 
noch recht wesentlichen Reduktion auf Descartes — dem Denken 
der Gebildeten der Nation zuzuführen. Diese Aufgabe war um 
so wichtiger, als Leibniz, wie wir wissen, seine Gedanken viel⸗ 
fach nur aphoristisch ausgeführt hatte und die Form, in der 
er dies tat, die leichte Diktion seiner oft an sehr vornehme 
Personen gerichteten „feuilles volantes‘ in keiner Weise dem 
schulmäßigen Ernste entsprach, den das philosophisch inter— 
essierte, ja überhaupt das geistig solide deutsche Publikum der 
Zeit noch von Werken, die Eindruck machen sollten, verlangte. 
Denn das, was durch die neue rationalistische Weltanschauung 
in den gebildeten Kreisen verdrängt werden sollte, war die alt— 
einheimische Weisheit der Aristoteles-Häuser: so hießen die 
bom Organon noch beherrschten, zunächst protestantischen Semi⸗— 
nare, in denen die Melanchthonische Scholastik nach wie vor 
gelehrt wurde. Hierzu bedurfte es gleicher, also ebenfalls 
schulmäßiger Waffen. Diese mit viel Geschick aus Leibnizens 
zerstreuten Ausführungen herauskonstruiert zu haben, zugleich
	        
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