132 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
keit pflegen daher nur die Ausläufer dieser Systeme in Ethik,
Politik, Religionsphilosophie zu sein: und auf diesen Gebieten
hat allerdings auch das Leibnizsche metaphysische System aufs
unmittelbarste und zäheste in den Breiten der Nation nach—
gewirkt. Denn grade diese Gebiete ergriff Wolff und spann
hier Leibnizens Ideen zu jenem ausführlichen und platten
Kanon der Aufklärung aus, der zu den Zeiten Friedrich Wil—
helms J. und auch vielfach noch Friedrichs des Großen
männiglich als der Weisheit Schluß aufs leichteste einging.
Die Vollkommenheit des Individuums, des für sich leben—
den Einzelmenschen war demnach das höchste Ziel, und da ihm
die Seele, in einer außerordentlichen Verkürzung der Leib—
nizschen Monadenlehre, als vorstellende Substanz etwa im
Sinne Descartes' erschien, so glaubte er diese Vollkommenheit
in der ausschließlichen Ausbildung der Verstandeskräfte zur
Klarheit und Deutlichkeit ihrer Vorstellungen allein gewähr—
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auch von der Ethik gefordert; und Ausbildung wiederum des
Verstandes galt nicht minder als wichtigstes Ziel zur Ent—
wicklung richtiger religiöser Vorstellungen. Dabei wußte sich
Wolff zunächst klug von der Diskussion des Lehrinhalts der
offenbarten Religionen, des Christentums vor allem, fern—
zuhalten, indem er sich überzeugt fand, daß dieser mit den
Prinzipien der Vernunftreligion im Grunde zusammenfalle: und
in der Tat hat sein System wenigstens der protestantischen
Kirche des 18. Jahrhunderts als unverdächtig gegolten und
darum für die Ausbildung der jungen Theologen den melanchtho—
nischen Scholastizismus wirklich abgelöst.
Im Grunde aber stand Wolff die Vernunftreligion über
aller Erörterung; und in der Darlegung ihrer Prinzipien be—
wegte er sich mit Vorliebe in den Gedanken der Leibnizschen
Theodicee. Nur daß er auch hier das scharfsinnige und zu—
gleich erhabene System seines Gewährsmannes dem Niveau
nach tiefer legte und ein wenig verwässerte. Nicht als die beste
aller Welten schlechthin hat Gott diese Welt ins Dasein ge—
rufen, sondern als die für den Menschen beste. Ihm soll sie