Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 
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vor allem nützlich sein, ihn erfreuen, ihm dienen. Und dieser 
enge anthropozentrische Gedanke wurde von Wolff, noch mehr 
aber von seinen Schülern mit einer des Mittelalters würdigen 
Naivität durchgeführt: mit Recht haben die Nachmittagspredigt⸗ 
gedanken auf diesem Gebiete den Spott Voltaires und Mau— 
pertuis' herausgefordert. 
Wie sollte nun Wolff bei solcher Betrachtungsweise be— 
sonders schöpferischen Sinn für Gedanken über Staat und 
Gesellschaft, überhaupt menschliche Kosmen gehabt haben! 
Auch hier blieb er im Grunde ganz im Ideenkreise des engsten 
Individualismus. So ist ihm der Staat nur eine Anstalt, 
die die äußeren Vorbedingungen möglichst vollkommener Aus— 
bildung des einzelnen Individuums zu schaffen hat; und die 
Gesellschaft erscheint ihm nicht als ein Organismus, sondern 
als eine sozialpsychisch folgenlose Summe von Einzelpersonen. 
Es waren aber Anschauungen, die der politischen Stimmung 
der Nation im Zeitalter des erblühenden aufgeklärten Abso— 
lutismus vollkommen entsprachen. Und es waren sittliche und 
religiöse Betrachtungen, die um so eher auf fruchtbaren Boden 
fielen, als sie die Vereinbarkeit der Offenbarung und der Ver— 
nunfttätigkeit, für viele schon den Gegenstand banger Zweifel, 
von neuem zu beweisen schienen. Und alle diese Lehren trug 
Wolff in einer Form vor, die heute trocken und pedantisch er— 
scheinen mag, die aber den Zeitgenossen überaus mundete. 
Wie Soldaten der Zopfzeit marschieren die zahllosen Para— 
graphen seiner dicken Bände auf; und wie jene in Bataillone 
und Regimenter, so waren diese wiederum hübsch in Abschnitte, 
Kapitel und Bücher zusammengefaßt; sehr ausführliche Sach— 
register vermittelten außer genauen Kapitelüberschriften noch 
weiter den Inhalt: man konnte weder irregehen noch straucheln. 
Und auch der Text war nicht immer langweilig und umständ⸗ 
lich: denn unter allen Umständen war auf jene platte Sauber— 
keit des Denkens und jenen unpersönlichen, jeder Periode an 
sich eignen Zeitstil der Sprache gehalten, die der Menge als höchste 
Vereinigung von Korrektheit und Tiefe erscheinen.
	        
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