Aufklärung und Pietismus.
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Das Ergebnis dieser Vorgänge in den katholischen Ländern
war am Ende doch das Eindringen der Aufklärung zunächst
wenigstens an den Universitäten und teilweis auch an den
Mittelschulen seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein Er—
gebnis von großer Bedeutung. Es ist das erste Mal fast seit
der Reformationszeit, daß jetzt ein und dieselbe geistige Be—
wegung alle Deutschen gleichmäßig zu erfassen beginnt: eine
stärkere geistige Einheit der Nation wird wiederum angebahnt,
und zwar im bewußten Gegensatze zu dem trennenden Momente
der Konfessionen.
Die Universitäten waren dabei zunächst, wie so oft in
späterer und gelegentlich auch in früherer Zeit, ohne eigentlich
eigene Initiative lediglich Gefäße der neuen Geistesströmung
gewesen. Aber bald traten neben sie, die zunächst nur auf
Wissenschaft und Jugend wirkten, auch andere Mittel zur Ver—
breitung der Aufklärung. Das wichtigste von ihnen waren
wohl die sogenannten moralischen Wochenschriften.
Diie moralischen Wochenschriften sind keine deutsche Er—
scheinung; sie sind Nachahmung englischer Vorbilder. In Eng—
land hatte die freie Entfaltung des oberen Bürgertums, wie
sie, eine Frucht der Ereignisse um 1689, in den ersten Jahr⸗
zehnten des 18. Jahrhunderts, unter dem Regiment der
Königin Anna vornehmlich, eintrat, das Bedürfnis der Aus—
sprache über tausend gesellschaftliche und menschliche Dinge,
namentlich über sittliche Fragen, zur Entstehung der Wochen⸗
schriften geführt: seit 1709 erschienen rasch hintereinander
„Tatler*“, „Spectator“ und „Guardian“.
In Deutschland fand dies Beispiel, sieht man von Tho—
masius' ähnlichem früheren Versuche ab, erst seit dem Jahre
1721 Nachahmung. In diesem Jahre gaben zuerst in Zürich,
auf schweizerischem Boden, in der Athmosphäre eines freieren
Bürgertums, das durch die unglückliche soziale Entwicklung der
letzten deutschen Jahrhunderte weniger gestört worden war!?,
Vg darüber Genaueres unten im weiten Ka itel dieses Buches
In v z pi —