Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

140 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel. 
Dabei darf man sich die Wirkung dieser ersten Stufe 
der Aufklärung, die wir bisher verfolgt haben, doch nicht 
zu stark vorstellen. Mendelssohn, einer der führenden Köpfe 
der zweiten Stufe, schildert sie einmal mit den Worten: 
„Einige Anhänger Wolffs haben die tiefsinnigsten Wahrheiten 
aus seiner Philosophie leicht, faßlich und, so Gott will, auch 
schön abgehandelt. Was war die Wirkung davon? Man hat 
in allen artigen Gesellschaften von Monaden, vom Satz des 
zureichenden Grundes gesprochen; es waren Modeworte, die 
man aus Galanterie kennen mußte. Man trug Wahrheiten im 
Munde, davon weder Geist noch Herz durchdrungen war; um 
die Beweise der angenommenen Sätze bekümmerte man sich 
wenig; die Wahrheit selbst ward durch die Art, wie man sie 
annahm, zum Vorurteil.“ Nun ist diese Schilderung gewißlich 
nicht unparteiisch, wie schon ihr leicht ironischer Ton zeigt; 
bei weitem mehr, als Mendelssohn hier zugeben will, war erreicht 
worden. Aber trotzdem läßt sich sagen, daß völlig durch— 
schlagende und auf Menschenalter fortwirkende Erfolge doch 
erst von einer zweiten Stufe der Aufklärung errungen worden 
sind. 
II. 
Gehen wir jetzt zur Schilderung dieser zweiten Stufe über, 
so bedarf es von vornherein der Erklärung, daß sie ohne die 
Geschichte der englischen und französischen Parallelentwicklungen 
nicht zu verstehen ist: noch einmal laufen in einer großen 
geistigen Bewegung auf deutschem Boden die Erscheinungen 
eigenen Fortschrittes und fremder Einflüsse so stark und so 
lange durcheinander, daß das schließliche Ergebnis nur von der 
eingehenden Kenntnis auch der von außen her mitwirkenden 
Kräfte her gewürdigt werden kann. 
Von den fremden Aufklärungsliteraturen ist in Deutsch— 
land zuerst die französische, erst später auch die englische be— 
kannt geworden. Unter sich aber stehen die entscheidenden Vor— 
gänge des rationalistischen Denkens bei den beiden westlichen
	        
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