Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 141 
Nationen in dem Zusammenhange, daß England, das an den 
gewaltigen Gedankenapparat Lockes anknüpfen konnte, ideen— 
bildend voranging, während Frankreich, wenn auch teilweis ge— 
danklich umbildend, so doch vor allem nur popularisierend und 
formvollendend erst folgte. 
In England war auf die großen, geistig freien Zeiten der 
Elisabeth ein steiferer klassizistischer Ton gefolgt, aus dessen 
einförmigem Verhallen erst die Revolution erlöste, indem sie 
das bürgerlich⸗religiöse Element zur führenden Stellung erhob. 
Zwar kam dann noch ein Gegenschlag unter Karl II., und ein 
nicht unbedenklicher Import französisch-romanischen Wesens der 
leichtfertigen Art erfolgte. Allein schließlich siegte doch, in 
glorreicher Revolution und niederländischer Invasion, das ger— 
manische Element, und indem es sich in Formen auswirkte, 
die zugleich auf das Verständnis der bürgerlichen Mittel⸗ 
klassen berechnet waren, kamen die Zeiten der englischen Auf⸗ 
klärung herauf. 
Dabei wurde zunächst, von Locke aus weitergreifend, wenn 
auch vielfach mit ihm in Widerspruch, der Graf von Shaftes— 
bury (1671.51718) zum wichtigsten Lehrer der moralischen und 
religiösen Anschauungen. Eine feine ästhetische Natur, für die 
Alten schwärmend, ein Vorläufer in gewissem Sinne des er— 
neuerten Hellenismus des 18. Jahrhunderts, sah er in der 
Sittlichkeit vor allem die Harmonie des menschlichen Wesens 
in seinen egoistischen und altruistischen Neigungen und lehrte 
demgemäß eine Ethik eudämonistischen Charakters. Für die 
Begründung der sittlichen Neigungen der Menschen aber glaubte 
er einen besonderen moralischen Sinn annehmen zu müssen: 
ebenso wie er die religiösen Neigungen auf einen besonderen 
religiösen Sinn zurückführte. Die Folge war denn freilich 
auch für die Religion dieselbe wie für die Moral: wie dort 
an Stelle der göttlichen Gebote eine Naturmoral, eine Moral⸗ 
philosophie getreten war, so stellte sich hier der kirchlichen Dog— 
matik im Deismus eine Naturreligion, eine Philosophie freien 
Gottesglaubens gegenüber.
	        
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