Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

142 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
Deistische Gedanken sind in England schon vor Shaftes⸗ 
bury zu größerer Vollkommenheit entwickelt worden; aber erst 
infolge seiner feingeschriebenen Essays, einer der Zierden der 
englischen Prosaliteratur dieses Zeitalters, fanden sie weitere 
Verbreitung. Freilich blieb auch jetzt die deistische Lehre in 
England der Hauptsache nach ein Besitz der oberen Zehntausend, 
des höchsten Bürgertums und des Adels, die sie entwickelt 
hatten; mit jener Zähigkeit aristokratischer Zurückhaltung, die 
noch heute die Nation auszeichnet, verschlossen diese Kreise den 
unteren Klassen ein angebliches Gift, das sie für sich selbst als 
Lebensbedürfnis errungen hatten. 
So konnte sich der englische Deismus hinter dem sozialen 
Panzer der gebildeten Klassen ziemlich frei entfalten. Er übte 
an den positiven Dogmen des Christentums eine schonungslose 
Kritik; er erkannte die Vernunft ohne Rückhalt als Richterin 
auch des religiösen Lebens an, und er schritt, teilweis schon 
bei Shaftesbury, vor allem aber später zu einer Betrachtung 
aller positiven Religionen fort, die von deren Offenbarungen 
schließlich wenig mehr übrig ließ, als den Glauben des so— 
genannten moralischen Christentums, die Überzeugungen vom 
Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Menschenseele, Über— 
zeugungen, deren rationale Ableitung aus dem menschlichen 
Verstande namentlich seit dem physikotheologischen Beweise 
Newtons für das Dasein Gottes als gesichert galt. 
In dieser kahlen Form, anfangs noch belebt durch den 
Newtonschen Enthusiasmus für diese Welt als ein Kunstwerk 
Gottes, noch nicht herabgestimmt zu der kalten, verstandes— 
mäßigen Nüchternheit der vierziger und fünfziger Jahre, ist der 
englische Deismus auf Frankreich übergegangen. 
In Frankreich hatte man in der zweiten Hälfte des 
17. Jahrhunderts zahlreiche englische Denker persönlich kennen 
gelernt; das Land Corneilles, Racines und Moliores galt noch 
immer als das Heim wie der Mathematik so der Philosophie. 
Seit dem Tode Ludwigs XIV. etwa wurde das anders. Jetzt 
war England das Land der Denker, der abstrakt-theoretischen 
wie der praktisch-konkreten; und Franzosen wanderten vielfach
	        
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