Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
Voltaire, der in seiner Sprache ein fortreißendes und 
triumphverheißendes wie ein vergiftendes und zernichtendes 
Werkzeug fast ohne gleichen sein eigen nannte, ist von Zeit— 
genossen und Nachwelt oft mißkannt worden. Vor allem in 
Deutschland; denn grade gelegentlich seines Berliner Aufent⸗ 
halts traten alle Schwächen seines impulsiven Charakters aufs 
unangenehmste hervor. Aber auch Frankreich hat ihn lange 
von sich gestoßen; einsam hatte er seit 1755 in seinem Land⸗ 
hause Ferney bei Genf zu leben, wenn auch unendlich wirksam 
und bei den vorwärtsschauenden Parteien seines Vaterlandes 
mungesehen: bis die allzu freudigen Aufregungen seiner späten 
Rückkehr nach Paris (1778) ihm den Tod gaben. 
Voltaire war kein selbständiger Denker. Aber er war ein 
aunvergleichlicher Popularisator. Trotz aller Frivolität und 
Spottsucht im Grunde von tiefem Ernste, ist er bei jedem An— 
laß für einen reinlichen Deismus, der zugleich die Grundlage 
seiner sittlichen Anschauungen war, eingetreten mit allen Mitteln 
glühender Beredsamkeit, ruhigen Zuredens, schneidenden Be—⸗ 
weises; und das Ergebnis war, daß er weiten Kreisen seiner 
Nation bis auf die Gegenwart hin seine Überzeugungen bei— 
zrachte. 
Auch auf Deutschland hat er gewaltig gewirkt. Und hier 
verband sich nun der Einfluß seiner vielgelesenen Bücher mit 
dem der Wolffschen Philosophie, sowie bald auch der unmittel— 
baren Kenntnis der englischen Aufklärung, vor allem aber mit 
einer weiteren Entwicklung der einheimischen Aufklärung, wie 
sie in der sogenannten Popularphilosophie vornehmlich der sech— 
ziger bis achtziger Jahre hervorbrach. 
Will man sich die Bedeutung dieser neuen Philosophie 
anschaulich machen, so genügt es freilich noch weniger als für 
die erste Stufe der deutschen philosophischen Aufklärung, sich 
nur die Namen und Leistungen der Autoren zu vergegen— 
wärtigen, die innerhalb dieser Strömung schufen. Geschieht es 
allein, wie die Gefahr hierfür bei einer zusammenfassenden 
Darstellung naheliegt, so wird die Vorstellung viel zu dünn 
und ärmlich, während sie von den farbenreichen Elementen einer
	        
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