Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

146 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
zähe, aber freilich auch dünkelhafte, philiströse und geschwätzige, 
für seine etwas strohernen Ideale mit draufgängerischem Mute 
eintretende Berliner Christoph Friedrich Nicolai (1733 - 1811), 
Schriftsteller und Buchhändler zugleich und als Schriftsteller 
wiederum zugleich Kritiker, Philosoph und Dichter. Er hat, 
von der „Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien 
Künste“ an, die seit Ostern 1757 erschien, die meisten der 
großen Zeitschriften und Sammelwerke herausgegeben, hier 
wieder oft Verleger und Redakteur zugleich, die, der uns be— 
kannten Gruppe der moralischen Wochenschriften angehörig und 
sie weiter fortführend, wenigstens in Norddeutschland die Auf— 
Aärung in die weitesten Kreise getragen haben, darunter 
namentlich die „Allgemeine deutsche Bibliothek“, die von Ostern 
1765 auf ein halbes Jahrhundert hin, bis zum Jahre 1808, 
die Aufklärung über alle Fächer des Wissens verbreitet hat, ein 
freilich sehr minderwertiges Gegenstück zur Enzyklopädie der 
Diderot und d'Alembert. Daneben aber ist er auch als 
Schriftsteller selbständig für die Aufklärung eingetreten in dem 
satirischen Roman „Sebaldus Nothanker“ (1773), der die Ge— 
schichte eines rationalistischen Dorfpfarrers und seiner Leiden 
— B 
licher Tendenz, aber eben darum zunächst mit großem Enthu— 
siasmus aufgenommen; um ihn her bildete sich bald eine 
Janze Literatur von Übersetzungen und Nachahmungen, Ver— 
teidigungen und Gegenschriften. 
Den höchsten Schwung dagegen innerhalb der Gruppe der 
Popularphilosophen nimmt neben Garve, dem frühverstorbenen 
Verfasser der begeisterten Abhandlung „Vom Tode fürs Vater— 
land“, Moses Mendelssohn, der Freund Lessings und Nicolais, 
der erste Vertreter des jüdischen Namens in der deutschen 
Literatur und insofern selbst ein lebendiger Zeuge aufkläre— 
rischer Duldsamkeit. Er war 1729 in Dessau geboren, doch 
gehörte sein schriftstellerisches Leben ganz Berlin an, dem Orte 
seiner geschäftlichen Tätigkeit in der Verwaltung der Seiden— 
fabrik eines Glaubensgenossen. Anfangs bettelarm, seit den 
fünfziger Jahren äußerlich sorgenfrei gestellt, trat er mit den
	        
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