Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

159 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel. 
mit ihrer Entwicklung fand sie immer mehr an der orthodoxen 
Lösung der religiösen Probleme auszusetzen. 
Gegenüber dieser hartnäckigen Tendenz blieb der Ortho— 
doxie schließlich nur ein Mittel übrig: sie mußte mit den 
gleichen Waffen wie die Gegner den Beweis des Geistes und 
der Kraft erbringen. Die Orthodoxie begann daher erst jetzt 
recht die biblische Auslegungskunst zu entwickeln, und eben 
bon ihren Vertretern rühren dann die ersten Grundzüge einer 
Auslegungswissenschaft überhaupt her. Sie sind von Flacius 
in seiner 1567 veröffentlichten „Clavis aurea“ dargelegt 
worden, sie erscheinen dann wesentlich im flacianischen Geiste 
bvon Franz in seinem „Tractatus theologicus“ (1619) und 
von Glassius in seiner „Philologia sacra“* (1628) festgehalten, 
und sie blieben im ganzen und großen unverändert im zünf— 
tigen Betriebe bis auf die Theologie der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts, bis auf Baumgarten und Semler, ja bis fast 
auf die Zeiten Schleiermachers. 
Aber gegenüber dieser anfangs gewiß noch zeitgemäßen, 
päter jedoch um so mehr zurückbleibenden orthodoxen Inter— 
oretationskunst machte sich nun immer mehr eine unabhängige 
Exegese geltend. Schon Erasmus hatte ihr in gewissem Sinne 
auf der früher berührten Grundlage gehuldigt, und jedenfalls 
hatte er schon den Grundsatz aufgestellt, daß zum besseren 
Verständnis vor allem die Lehren Christi von den übrigen Be⸗ 
standteilen des Neuen Testamentes getrennt zu betrachten seien. 
Daneben hatte er zur Kritik der Bibel, insofern diese durch 
dogmatische Interpretation für einzelne Stellen dauernd ver— 
klausuliert und von der Kirche gleichsam monopolisiert worden 
war, den gesunden sittlichen Menschenverstand als zulässigen 
Hebel der Interpretation herangezogen. 
Es sind lange die wesentlichen Hilfsmittel der unabhängigen 
Interpretation der Bibel geblieben, und sie haben schon im 
Verlaufe des 16. Jahrhunderts zur Kritik der Dogmen von 
der Dreieinigkeit und der Gottheit Christi, der Rechtfertigungs⸗ 
und der Opferlehre wie des Dogmas von der Gnadenwahl ge⸗ 
ührt, bis seit etwa Mitte des 17. Jahrhunderts vom Stand—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.