154 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
das Bekenntnis in seinem ganzen Umfang Vernunftbeweise. Es
ist eine Stellungnahme, die sich wohl in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts noch findet; als ihr einflußreichster Vertreter
kann vielleicht der Hallesche Theologieprofessor Baumgarten
1706-1757), ein Bruder des Begründers der Ästhetik, be—
zeichnet werden. Allein sie war damals schon veraltet und ist
später von keinem Kopfe mehr festgehalten worden, der etwas
hedeutet hat.
Daneben ergab sich eine zweite Position: man hielt wohl
am Ganzen der Offenbarung fest, betrachtete aber das Kom—
vendium derselben als abweichend von dem Inhalt der Dog—
matik, und zwar unter Zugeständnissen an eine rationalistische
Erklärung der Offenbarung. Es war eine Haltung, die nament⸗
lich Wunder und übernatürliche Geheimnisse, oft zugunsten
überaus platter und zugleich unwahrscheinlicher Auslegungen
der Bibelterte, ausschloß. Auch sie hatte in den Anfängen
schon im 17. Jahrhundert bestanden; aber jetzt trat sie immer
kühner hervor; und unter ihren Anhängern befanden sich
namentlich weltmännische Theologen: so eine nicht geringe
Anzahl von Hofpredigern.
Nun war es aber klar, daß sich im Verlaufe dieser Richtung
sehr verschiedene Grade der Interpretation entwickeln konnten,
da ein objektives Prinzip derselben nur in der mensch—
lichen Vernunft gegeben war. Und da lag es denn in der
Natur der Dinge, daß man immer kühner wurde: bis man auf
einem anscheinend schon völlig subjektivistischen Standpunkt der
Exegese angelangt war. Der große Hallesche Theologe Semler
(1725- 1791) ist es gewesen, der zuerst diesen entscheidenden
Schritt vollzog. Er führte aus, daß jeder Christ, wie er seine
zigne Persönlichkeit und Entwicklung habe, so auch ein Recht
auf seine eigene Religion, seine Privatreligion besitze. Und er
stützte diese Behauptung durch den mittlerweile ganz in den
Zeitgeist übergegangenen aufklärerischen Satz, daß das Wesen
und der Endzweck der Religion lediglich die Moral, mithin die
Ausbildung der eigenen freien Persönlichkeit sei.