Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 
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Nun braucht nicht ausgeführt zu werden, daß diese Sätze, 
jetzt ebenso klar und verständlich behauptet, wie sie einst von 
den Schwarmgeistern der Reformationszeit enthusiastisch und 
dunkel vorgebracht worden waren, in Wirklichkeit über das 
individualistische Zeitalter hinausführen in eine Zeit, da auch 
auf religiösem Gebiete, obwohl innerhalb der weitesten 
Grenzen des Christentums, vollste Freiheit subiektiver Durch— 
bildung in Sicht gelangt. 
Indem aber Semler auch forschend die Konsequenzen 
seiner Anschauung zog, wurde er — es war nicht anders 
möglich — zum historischen Theologen. Denn wenn die sub—⸗ 
ektivistische Interpretation der Offenbarung zugelassen wurde, 
so konnte deren jeweilige objektive Geltung nur in der Er—⸗ 
kenntnis des historischen Verlaufs ihres Einflusses gesucht und 
festgestellt werden. Von diesem Standpunkte aus begann 
Semler die Entstehung des biblischen Kanons selbst zu unter— 
suchen und machte auch Anläufe zu einem vertieften Ver— 
ständnis der Kirchengeschichte. Zu statten kam ihm hierbei, 
daß man inzwischen angefangen hatte, die ersten Grundsätze 
einer realen, historischen Exegese der biblischen Schriften zu 
entwickeln. In der ganzen ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
allerdings war die biblische Exegese der Hauptsache nach noch 
in der Erläuterung der Schrift nach den Normen des Dogmas 
verlaufen; aber daneben begann sich doch langsam, mit dem 
Erwachen des geschichtlichen Sinnes überhaupt!, zwischen 
Dogmatik und biblischer Hermeneutik die biblische Theologie 
zum Verständnis des eigentlichen Wortsinnes einzuschieben. 
Zuerst war das in den reformierten Kreisen Hollands, der 
Schweiz und Englands geschehen, dann war die Bewegung 
auch in Deutschland von Baumgarten, dem Vorgänger Semlers 
in Halle, sowie von Ernesti und Michaelis aufgenommen worden. 
An diese Bewegung also knüpfte Semler an. 
Indes: sollten die Laien — und teilweis auch rücksichtslos 
fühne Theologen — bei dem schließlich doch auch noch von 
S. oben S. 118 ff.
	        
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