Aufklärung und Pietismus.
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insofern sie noch mit dem Christentum Fühlung hielt; dann
aber ging er hierüber wie über den Deismus Voltaires noch
hinaus bis zur Verzichtleistung auf den Glauben an die persön⸗
liche Unsterblichkeit: vom Christentum hat er schließlich nur noch
die Sittenlehre festgehalten.
Desselben Weges etwa wie Friedrich, nur unter eingehen—
der Auseinandersetzung mit der Bibel, ist dann auch der scharfe
Hamburger Denker Reimarus (1694-1768) gezogen, der
wichtigste Vertreter dieser letzten Stufe rein rationalistischer
Entwicklung. Reimarus, der sich durch mehrere deistisch ge—
haltene Abhandlungen bekannt gemacht hat, zog die letzten
Konsequenzen seiner Weltanschauung in dem Werke „Apologie
oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“, das
in seiner ersten Fassung wohl schon in den vierziger Jahren
des 18. Jahrhunderts entstand. Es wurde nur handschriftlich
unter seinen Freunden verbreitet; als Lessing in den Jahren
1774 bis 1778 die Kühnheit hatte, Bruchstücke davon zu ver—
öffentlichen („Wolfenbüttler Fragmente“), erregten diese Stürme
des Entsetzens; und erst David Friedrich Strauß hat im Jahre
1862 das Ganze genauer bekannt gemacht.
Reimarus mißt in seinem Buche die Offenbarung an der
Vernunftreligion, und er findet sie unwahr, insofern sie nicht
den Ansprüchen genüge, welche die Vernunft an eine wahre
Offenbarung Gottes zu stellen habe. Darum enthalte sie nicht
eine höhere oder auch nur eine zweite Religion neben der Ver—
aunftreligion, sondern nichts als ein verwerfenswertes System
on Irrtümern.
Aber dem stand ja die volle und im ganzen so klare
biblische Überlieferung gegenüber! Reimarus war nicht im—
stande, ihre Authentizität kritisch zu beseitigen: er nahm sie als
wohl verbürgt an. Bei dieser Auffassung blieb ihm nichts übrig,
als sie zu einer ungeheuerlichen Fälschung schon der christlichen
Urzeit, der Väter also und der Apostel zu stempeln, einer Fäl—
schung, die zur Täuschung des Volkes, zur Ablenkung seines
Blickes von den vernünftigen Wahrheiten erfolgt sei.