Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

—158 VNeunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
Es ist ein zutreffender Schluß wie der rationalistischen 
Bibelkritik so des Rationalismus und der Aufklärung über— 
haupt. Nachdem die Vernunft die geistige' Alleinherrschaft des 
18. Jahrhunderts angetreten hatte, mußte jede andere Autorität 
und damit auch das Denken und Empfinden anderer Zeitalter und 
also am Ende auch dessen Tradition, soweit sie sich der zeit— 
genössischen Vernunft nicht unterordnen ließ, geleugnet, d. h. 
gedankenhaft vernichtet werden. Es geschah schließlich, nach 
dem Sturze aller anderen Autoritäten, auch gegenüber der er— 
habensten, gegenüber dem Christentum. Es ist der Paroxysmus 
einer Entwicklung, in deren Wandlungen das Prinzip des 
absoluten, antisozialen Individualismus folgerichtig zum Aus— 
leben gelangte. Es ist aber zugleich ein Vorgang, in dem 
für die weiterdenkenden Zeitgenossen die letzte Schranke des 
religiösen Individualismus hinweggeräumt und der Zugang zu 
einem neuen Zeitalter eröffnet wurde. 
In dies Zeitalter hat Lessing, der geistig fortgeschrittenste 
aller Zeitgenossen seiner engeren geschichtlichen Periode, einen 
tiefen, entsagungsvollen Blick getan. 
Lessing ist, wie alle besseren Denker seiner Zeit, von dem 
Versuche ausgegangen, Dogma und Offenbarung rational zu 
begreifen, die Theodicee auszudehnen zu einer Rechtfertigung 
des Inhalts der biblischen Bücher, christlichen Glauben zur 
Vernunft zu erheben. Aber schon verhältnismäßig früh ver—⸗ 
zweifelte er an der Möglichkeit, dies fertigzubringen: und 
so brach er entschlossen mit der Offenbarung und stellte den 
Satz auf, daß jeder Mensch seine Religion sich nach dem Maße 
seiner Vernunft schaffen müsse — freilich auch zu schaffen ver— 
oflichtet sei. 
Es ist der Kernpunkt einer neuen geistigen Haltung, der 
Haltung des künftigen subjektivistischen Zeitalters. Aber wie 
dieser Standpunkt bei Semler noch mit der Bedingung auf— 
tritt, daß die neue persönliche Haltung im Anschluß an die 
Offenbarung zu gewinnen sei, so lehnt sich, wenngleich schon 
anendlich viel freier und ohne irgendein Gefühl der Ver—
	        
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