Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

180 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
mystische Vereinigung mit Christus herbeizuführen ist seine Auf— 
gabe. 
—A gewaltigste Frömmigkeitsmittel 
religiöser Gebundenheit, das Sakrament, in dieser letzten Form 
individualistischen Christentums schon im Begriffe, subjektiv 
behandelt zu werden: denn verschwunden ist die Furcht vor der 
Sünde. Wie es das Fräulein von Klettenberg, an dieser 
Stelle ihrer Bekenntnisse echt herrnhuterisch und mehr noch als 
herrnhuterisch empfindend, mit klassischer Einfachheit ausgedrückt 
hat: „Wenn ich Gott aufrichtig suchte, so ließ er sich finden 
und hielt mir von vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah 
hintennach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen, und wußte 
auch, wo ich es noch war; aber die Erkenntnis meiner Ge⸗ 
brechen war ohne alle Angst. Nicht einen Augenblick ist mir 
eine Furcht vor der Hölle angekommen; ja die Idee eines bösen 
Geistes und eines Straf- und Qualortes nach dem Tode konnte 
keineswegs in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand 
die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen 
und der Liebe gegen den Unsichtbaren verschlossen war, schon so 
anglücklich, daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für 
sie eine Linderung zu versprechen, als eine Schärfung der 
Strafe zu drohen schienen.“ 
Es find die Gesinnungen, an welche die ersten großen 
Frommen des Subjektivismus, ein Novalis, ein Schleiermacher, 
nachmals angeknüpft haben; über sie hinaus ließ sich eine 
Frömmigkeit des individualistischen Zeitalters nicht mehr denken; 
ija sie stehen schon ziemlich jenseits der Gemütsgrenze dieses 
Zeitraums. 
Waren sie aber um 1750 etwa weit verbreitet? Keines— 
wegs. Einige Stille im Lande erfreuten sich ihrer, „schöne 
Seelen“ einer zweiten und dritten Generation; ihre ständig 
organisierte Pflege beschränkte sich auf die kleinen Kreise Herrn— 
huts. Die geistige Strömung, die herrschte, war die der Auf⸗— 
klärung. 
Stand aber die spätere Aufklärung den innersten Bedürf⸗ 
nissen der Menschenseele, die sich im Pietismus und Herrnhuter⸗
	        
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