Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 
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tum in ihrer Weise ausgesprochen hatten, wirklich so fern, als 
es zunächst den Anschein hat? 
Rationalismus und Pietismus sind zunächst längere Zeit, 
ja ein gutes Stück ihrer Gesamtentwicklung zusammengegangen, 
insofern sie in Orthodoxie und verknöchertem Christentum den 
gemeinsamen Feind sahen. Zudem: sollte außerhalb dieser 
dogmatischen Kirchen oder wenigstens ohne ihre unmittelbare 
Hilfe ein Verhältnis des Individuums zu Gott gesucht werden, 
so war das möglich durch Annäherung entweder auf dem Wege 
des Gemütes oder auf dem des Verstandes. Und anfangs 
mochte der eine Weg noch ruhig neben dem andern herlaufen, 
ehe, bei allmählicher Divergenz der vordem gemeinsamen Ziele, 
Kopf und Herz aneinander gerieten. 
So erklärt es sich, daß bei der Taufe der Universität 
Halle, die um die Wende des 17. Jahrhunderts, zur Zeit der 
Blüte des Pietismus, recht eigentlich Trägerin aller modernen 
Geistesströmungen war, Rationalismus und Pietismus in Ein— 
tracht beieinander Patenstelle übernommen hatten: neben Tho— 
masius stand August Hermann Francke, und noch spät konnte 
unter den Gegnern Halles der Spruch die Runde machen: 
„Du gehst nach Halle? Du wirst als Pietist oder Atheist zu— 
rückkehren!“ Und so versteht man auch, wie es innerhalb 
dieser Zusammenhänge in Halle auf einem Gebiete, das reli⸗— 
giösen und intellektuellen Bestrebungen zugleich angehörte, zeit⸗ 
weise zu inniger gemeinsamer Arbeit beider Strömungen kommen 
konnte. Es war der Fall auf dem Gebiete der Pädagogik. Als 
Francke im Jahre 1701 seinen Plan zu einem Seminarium 
universale entwarf, von dessen Durchführung er sich eine volle 
Umwälzung des europäischen Geisteslebens versprach und als 
dessen Anfang bloß er die heute noch blühenden großen 
Halleschen Anstalten betrachtete, da schwebte ihm das Programm 
einer Bildung und Erziehung vor, die rationalistische und 
pietistische Elemente in sich vereinigen sollte: Pflege christlicher 
Frömmigkeit vermöge humanistischer Bildung zur Vertiefung 
der Bibelinterpretation, aber daneben Pflege auch aller nütz— 
lichen Kenntnisse im Sinne der Vernunftlehre: und nur Arbeit,
	        
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