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Neunzehntes Buch. vViertes Lapitel.
kein Spiel, keine freien Schulnachmittage, keine Ferien. In
pietistischem und rationalistischem Sinne zugleich also wurde
die Schola latina begründet und tatsächlich geleitet.
Und es ist charakteristisch, daß der Pietismus in dieser
Verquickung mit rationalistischen Tendenzen noch lange fort—
gelebt hat, ja grade in diesem Zusammenhange in gewissem
Sinne von Bedeutung geblieben ist bis zur Gegenwart. König
Friedrich Wilhelm J. von Preußen war recht eigentlich ein
Freund dieser Kombination, da sie wichtigen Seiten seines
eigenen Wesens entsprach; von ihr aus vor allem gewann er
ein inneres Verhältnis zu den Halleschen Bestrebungen; und so
war es kein Wunder, wenn die Franckesche Methode auf die
brandenburg-⸗preußischen Gymnasien übertragen und wenn von
ihrem Ideenkreise her auch die preußische Volksschule begründet
wurde. Aber die Kombination fand auch über Preußen hinaus
Singang. Blieb es auch vielfach auf den Gymnasien des
protestantischen Deutschlands der Hauptsache nach bei dem Schul⸗
betriebe des 16. Jahrhunderts, so sind doch die Franckeschen
Reformen wenigstens teilweis auch den sächsischen und sonstigen
mitteldeutschen, den mecklenburgischen und pommerschen wie den
protestantisch-süddeutschen Schulen zugute gekommen.
Welches von den beiden Elementen dabei stärker eingewirkt
hat, das pietistische oder das rationalistische, ist schwer im ganzen
zu sagen. Gewiß aber ergibt sich aus der Dauer des kombi—
nierten Einflusses weit über alle spezifisch pietistischen Zeit—
strömungen hinaus, daß neben den Bedürfnissen des Herzens
doch noch stärkere Bedürfnisse auch des Verstandes zu befriedigen
waren.
In der Zeit selbst aber, um 1750 etwa, hatte der Ratio—
nalismus in der Form der Aufklärung den Pietismus zweifels⸗
ohne überflügelt. Es war zunächst geschehen, weil der Pietismus
entwicklungsgeschichtlich eine Lösung bezeichnete, die für die
früheste Zukunft schon des Subjektivismus unannehmbar war:
schon in feste Formen gegossene Frömmigkeitsziele einer älteren
Entwicklungsstufe der Persönlichkeit sollten noch einmal erreicht
werden vermittelst wichtiger Teile des Empfindungslebens einer