Aufklärung und Pietismus.
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neuen Zeit, die eben erst im Hereinbrechen begriffen war; es war
eine unmittelbare Verschiedenheit zwischen Ziel und Mittel mit
selbstverständlich unbefriedigendem, bruch- und bresthaftem Aus—
gang. Aber war nicht auch die Aufklärung selbst um 1750 in einer
Wandlung begriffen, die sie um so leichter den Pietismus ersetzen
ließ, die sie auch dem Herrnhutertum als eine gefährliche Macht
auf gleichem Niveau entgegenstellte: in einer Wandlung hin
nach den reicheren Quellen emporquellenden Lebens im Gemüte?
Man würde die Bedeutung der Aufklärung für die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts wenig verstehen, wollte man nicht
diese Seite der letzten rationalistischen Entwicklung scharf ins
Auge fassen.
Schon bei Leibniz, dem eigentlich ersten großen Philo—
sophen des inneren Deutschlands, tritt die Kombination ratio⸗
naler und sentimentaler Elemente deutlich zutage. Sie ist es,
welche in der Tiefe seiner Anerkenntnis der christlichen Dog—
matik — mit Ausnahme nur der Dogmen von der Verdammnis
der ungetauften Kinder und der Heiden! — zugrunde liegt:
nicht bloß die Tatsache, daß er eine irenische Natur war im
Sinne etwa des Erasmus, oder gar die Erwägung, daß es
diplomatischer“ sei, äußerlich Christ zu bleiben. Und sie ist es
auch, die ihn über das Gestrüpp der Dogmen hinaus, die er
schließlich restlos in dem Begriffsgebäude seiner religio naturalis
unterbrachte, im Christentum wiederum Empfindungswerte be—
grüßen ließ. Denn nur an den allein und kräftig hervor—
gehobenen Grundwahrheiten konnte sich wieder ein lebendiges
religiöses Gefühl entzünden, nur aus ihnen konnten kräftige An—
stöße zum praktischen Handeln hervorgehen. Und darum ist
Leibniz für die Vereinigung der christlichen Bekenntnisse un—
ermüdlich tätig gewesen, wie er zugleich theologische Traktate fast
im Stile christlicher Mystik verfaßt hat, so den „Vom höchsten
Gute“, den „Von der wahren theologia mystica“ und andere.
Nun begann allerdings nach Leibniz die speziell religiöse,
antikirchliche und antidogmatische Aufklärung, um in dem
Menschenalter von etwa 1740 bis 1770 ihre höchste Blüte zu
ꝛrreichen: und damit wurde es von Jahr zu Jahr schwerer,