Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 
183 
neuen Zeit, die eben erst im Hereinbrechen begriffen war; es war 
eine unmittelbare Verschiedenheit zwischen Ziel und Mittel mit 
selbstverständlich unbefriedigendem, bruch- und bresthaftem Aus— 
gang. Aber war nicht auch die Aufklärung selbst um 1750 in einer 
Wandlung begriffen, die sie um so leichter den Pietismus ersetzen 
ließ, die sie auch dem Herrnhutertum als eine gefährliche Macht 
auf gleichem Niveau entgegenstellte: in einer Wandlung hin 
nach den reicheren Quellen emporquellenden Lebens im Gemüte? 
Man würde die Bedeutung der Aufklärung für die zweite 
Hälfte des 18. Jahrhunderts wenig verstehen, wollte man nicht 
diese Seite der letzten rationalistischen Entwicklung scharf ins 
Auge fassen. 
Schon bei Leibniz, dem eigentlich ersten großen Philo— 
sophen des inneren Deutschlands, tritt die Kombination ratio⸗ 
naler und sentimentaler Elemente deutlich zutage. Sie ist es, 
welche in der Tiefe seiner Anerkenntnis der christlichen Dog— 
matik — mit Ausnahme nur der Dogmen von der Verdammnis 
der ungetauften Kinder und der Heiden! — zugrunde liegt: 
nicht bloß die Tatsache, daß er eine irenische Natur war im 
Sinne etwa des Erasmus, oder gar die Erwägung, daß es 
diplomatischer“ sei, äußerlich Christ zu bleiben. Und sie ist es 
auch, die ihn über das Gestrüpp der Dogmen hinaus, die er 
schließlich restlos in dem Begriffsgebäude seiner religio naturalis 
unterbrachte, im Christentum wiederum Empfindungswerte be— 
grüßen ließ. Denn nur an den allein und kräftig hervor— 
gehobenen Grundwahrheiten konnte sich wieder ein lebendiges 
religiöses Gefühl entzünden, nur aus ihnen konnten kräftige An— 
stöße zum praktischen Handeln hervorgehen. Und darum ist 
Leibniz für die Vereinigung der christlichen Bekenntnisse un— 
ermüdlich tätig gewesen, wie er zugleich theologische Traktate fast 
im Stile christlicher Mystik verfaßt hat, so den „Vom höchsten 
Gute“, den „Von der wahren theologia mystica“ und andere. 
Nun begann allerdings nach Leibniz die speziell religiöse, 
antikirchliche und antidogmatische Aufklärung, um in dem 
Menschenalter von etwa 1740 bis 1770 ihre höchste Blüte zu 
ꝛrreichen: und damit wurde es von Jahr zu Jahr schwerer,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.