184 Neunzehntes Buch. Viertes Lapitel.
neben den rationalen Errungenschaften des Verstandes zugleich
auch die Frömmigkeit des Herzens zu pflegen. Und es waren
dieselben Zeiten, in denen die ersten wahrhaft eingeborenen Er⸗
scheinungen subjektiven Seelenlebens eben aus der Tiefe des
Bemütes hervorbrachen, um fast ganz im Bereiche dieses
Gemütslebens zu verlaufen: Empfindsamkeit, Sturm und
Drang, die Zeiten der Genies und ihres Kultus! Wie ver⸗
mochte sich da die Aufklärung mit den neuen Forderungen ab⸗
zufinden?
Auch hier zeigen sich bei Leibniz die Spuren einer Auf⸗
'assung, die schließlich von der Aufklärung in die späteren
ersten großen Zeiten des Subjektivismus, in die Jahre Kants
und der großen Dichter hinüberleitete, ohne den so vielfach
trüben Wässern des anfänglich tosenden subjektivistischen Enthu⸗
iiasmus allzustarken Einlaß zu verstatten. Bei Leibniz hat das
religiöse Gefuhl — wie in ähnlicher, nur etwas absonderlicher
Weise bei Zinzendorf — schon ein starkes ästhetisches Element;
von ihm stammt das Wort: amare est contemplatione alicuius
roi delectari. Und eben aus diesem Zusammenhange stammt
das, was sein religiöses Gefühl charakterisiert: die ungetrübt
optimistische Resignation.
Ist aber nicht eben dies Gefühl auch das religiöse Element
der späteren Aufklärung? Überall, wohin wir schauen, sehen
wir es wiederkehren: in höchster Reinheit und Vollendung bei
Lessing. Es ist der positive Gegenpol der Aufklärung gegen⸗
über der Sünden- und Gnadentheologie der Reformation:
zwischen diesen beiden Motiven verläuft die religiöse Entwick—
lung des Individualismus. Oder hätten etwa die Refor⸗
matoren den Satz der Aufklärung billigen können, daß „Zu⸗
friedenheit und Freude die sicherste Grundlage der Religion und
Frömmigkeit seien“?
Indem sich aber Aufklärung und Reste des Pietismus, sowie
auch das Herrnhutertum in einer solchen Empfindung schließ⸗
lich trafen, ist nicht zu verkennen, daß das religiöse Problem
damit nicht eigentlich gelöst, sondern nur vertagt und aus seinen
Angeln verschoben worden war. Ihm war ein ästhetisches