Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 191
fülle freilich blieb es hier im ganzen Eigentum der katholischen
Länder; doch auch die holländische Spätrenaissance nahm, in⸗
dem sie auf die binnendeutsche Entwicklung speziell des Nordens
übertragen wurde, eine nicht unbedeutende Anzahl barocker
Elemente auf, die sie seit den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts
zugleich mit französischen Einfliissen vermischte; und die ein—
facheren und würdigeren Formen des italienischen Barocks haben
ihren Weg auch unmittelbar in den protestantischen Norden
Jefunden.
Für die Erkenntnis des allgemeinen Stilcharakters des
Barocks gibt es auf deutschem Boden woͤhl keine lehrreichere
Tatsache als die, daß die Philologen der holländischen Uni—
versitäten und die Klassizisten der holländischen Baurenaissance
schon früh, vor allem durch das Buch des Franciscus Junius
„»De pictura veterum“ (1637) vertreten, eifrige Angriffe gegen
die großen Meister der holländischen Malerei und deren Werke
richteten. In der Tat: die ästhetischen Ideale der Renaissance
und dieser Malerei waren grundverschieden. Hier die strengste
Konturierung der Formen; alle Flächen klar umrissen, nirgends
die Mäßigung einer Kante durch Abschleifen oder Runden,
nirgends die Konzentration von Massenwirkungen unter Auf—
hebung der Schönheitsfreude am Einzelnen; dort das Verblassen
Des Umrisses im Licht, die Auflösung des umrissen Flächenhaften
im Halbdunkel und eine Komposition, die durch Licht und
Schatten bedingte Kontraste in Massenwirkung gegeneinander—⸗
setzte und harmonisch ausglich. So konnte, da die nieder—
ländische Malerei recht eigentlich der erste große und offen—
bare Ausdruck des äfthetischen Vermögens des Zeitalters vom
16. zum 18. Jahrhundert war, die Architektur der Renaissance
nicht den charakteristischen Baustil dieser Zeit bedeuten. Auch
in der Architektur kam es darauf an, dem Licht Eingang zu
oberschaffen, die Bauteile im Halbdunkel gleichsam lebendig werden
u lassen und durch eine Anordnung nicht weiter ausbreitender,
sondern gewaltig zusammenfassender Art Massenwirkungen von
berückender Majestat zu erreichen. Der Stil, der dies leistete,
war das Barock.