Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 193 
Belebung der Massen, Grundpläne mit gleichsam lebendigen, 
weichenden, vorschnellenden Linien, in der Fassade Anstrebung 
absoluter Einheit: Gestaltung des Parterres zum Sockel drüber 
ragender Stockwerke, für diese Stockwerke aber Durchführung 
von Säulen- und Pilasterstellungen durch mehrere Geschosse; 
im Innern endlich Gruppierung aller Räume um einen feier— 
lichen Haupte und Kuppelraum und daher weder Flügelbauten 
noch sonst welcher Anbau. 
Das Ganze aber, tektonisch zusammengefaßt, nochmals mit 
überschäumendem Kraftgefühl gleichsam raffiniert, geschnürt und 
konzentriert unter gewaltigen Lichteffekten. Daher Anordnung 
der Räume im Sinne der Abwechslung von Licht und Dunkel 
ind vorschreitende Beleuchtungsstärken bis zum Kern des Ge— 
bäudes. In diesem selbst dann, vorbereitet auch schon in den kon— 
zentrischen Räumen, der Versuch, innerhalb kräftig gefärbter, durch 
Gold farbig erhöhter Wandungen das Licht in tausend einzelnen 
Widerscheinen vollends überwältigend herrschen zu lassen: Auf⸗ 
lösung des Gebundenen der Materie in ein Unendliches, Reflex⸗ 
bewegtes, Reflexumflossenes; Ausstattung der wichtigsten Räume 
mit der flirrenden Widerstrahlung von tausend Marmorplatten 
oder glänzendem Wandstuck, Anbringung künstlicher Lichtquellen, 
Verwischung des Übergangs von stützender Wand zu lastender 
Decke: — Auflösung endlich des tektonischen Charakters der 
Decke als des nach obenhin schließenden Bauteils durch Aus⸗ 
malungen in raffinierter Verkürzungstechnik, welche, mit Vorliebe 
den Olymp oder irgend einen andern Ort der Götter und 
Seligen darstellend, die Decke ästhetisch öffnen und den Himmel 
gleichsam herabziehen in den fesilichen Prunk menschlicher Be— 
grenztheit. 
Bauten, so unter tausend durcheinanderwebende Schwaden 
bunten und farblosen, direkten und indirekten Lichtes gesetzt, 
innverwirrend und doch gedrungen, zauberhaft und doch virtuos 
berechnet, ausgestattet mit den intimeren Reizen vielleicht noch 
des Tafelbildes oder des in die Wände eingelassenen Olgemäldes, 
weihrauchdurchduftet, tondurchwebt: wer wollte sie nicht als 
die architektonischen Schwesterbildungen der Kunst eines Rubens 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 18
	        
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