Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 197 
rechten Winkeln aufeinanderstießen, — ein altes Motiv schon der 
Renaissancezeit, das aber noch Schlüters ersten Entwurf zum 
Berliner Schlosse (1696) beherrscht hat. Das Ganze, das aus 
diesen Voraussetzungen hervorging, war eine hausartige Anlage 
von beträchtlichen Höhenmaßen, festgeschlossen angeordnet um 
ein prächtiges Treppenhaus oder einen saalartigen Hauptraum, 
der oft durch zwei Stockwerke hin aufstieg, kurz, eine Anlage 
verhältnismäßig geringer Baufläche und bemerkenswerter verti⸗— 
kaler Dimension bei möglichst zentraler Anordnung. Es war 
klar, daß ein solcher Palast völlig harmonisch eigentlich nur 
innerhalb einer großstädtischen Umgebung wirken konnte, mithin 
in Deutschland, in einem Lande republikanischer Reichsstädte, 
wo den Fürsten im ganzen nur kleinere Orte als Residenzen 
zur Verfügung standen, nur ziemlich beschränkte Anwendung 
zuließ. Zudem waren die Territorialfürsten des Reiches in der 
Blütezeit des Stils nach den Verheerungen des Dreißigjährigen 
Krieges zu sehr mit der bloßen wirtschaftlichen und militärischen 
Rekonstruktion ihrer Staaten beschäftigt, um schon an große Bauten 
denken zu können; erst das zweite Viertel etwa des 18. Jahr— 
hunderts hat den Aufschwung fürstlichen Baueifers gesehen. 
So sind denn völlig durchgeführte Barockpaläste in Deutsch— 
land nicht eben häufig; diejenige Stadt, die deren weitaus am 
meisten birgt, wie sie auch die zahlreichsten Kirchen des Barock— 
stils aufweist, ist Prag. Aber nicht die Monarchie hat hier 
diese Bauten geschaffen; ihr, vor allem Kaiser Karl IV., wird 
nur die andere Blütezeit der großen Prager Architektur, die 
des 14. Jahrhunderts, verdankt. Vielmehr war es jetzt der 
neue, durch die kaiserlichen Landschenkungen reichgewordene 
Militäradel des Dreißigjährigen Krieges“, der, üppig empor—⸗ 
wuchernd, die bauliche Physiognomie der Hauptstadt bestimmte. 
Schon Wallenstein hatte sich in Prag einen großen Palast 
bauen lassen; dann folgte eine ganze Anzahl andrer gewaltiger 
Bauten, vor allem das besonders ausgedehnte Palais Czernin; 
und die Tätigkeit so ausgezeichneter Meister wie Dinzenhofers, 
1 
Vgl. dazu Bd VI, S. 428.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.