198 5wanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
des Erbauers der Fuldaer Kathedrale, und des Wieners
J. B. Fischer von Erlach kam nicht zum geringsten Teile den
Prager Bauten zugute.
Seine herrlichste, späteste und zugleich eigenartigste Blüte
aber entfaltete der barocke Palaststil auf deutschem Boden in
Dresden: am selben Orte, wo der barocke Kirchenbau mit einem
so einzigen Werke wie der Hofkirche geendet hat. Der „Zwinger“
Pöppelmanns ist in den Jahren 1711 -1722 entstanden, frei—
lich dem Grundrisse nach schon ein Erzeugnis des Rokokos und
seiner Vorliebe für weitgestreckte Horizontalanlagen, wenn hier
auch ein solcher Bau schon durch den besonderen Zweck, die
Herstellung eines weiten Architekturrahmens für die Festzüge
und Maskeraden des Hofes, besonders begründet war: doch
der architektonischen Struktur und dem Schmucke nach die
freieste, wunderbarste und individuellste Schöpfung des ab—
sterbenden Barocks. Hier ist fast jede grade Linie gebrochen, fast
jede Kreislinie verwickelter gebogen, und in phantastischster Weise
werden die ornamentalen wie die tektonischen Formen der Vor—
zeit verwandt. Dabei herrscht ein Reichtum und eine Uppigkeit
des Figürlichen und eine Wohligkeit und ein Übermut der
bildnerischen Erfindung, die auf abendländischem Boden nirgends
ibertroffen worden sind. Dennoch ist der Eindruck des Ganzen
geschlossen, ja bei allem Überschwall des Einzelnen würdig;
hinter den drängenden Gestalten waltet der ordnende Geist
des Künstlers; und trotz freiester Lösung des Einzelwerks
empfindet man die majestätisch herrschende Wucht des Stiles.
Dies Wesen ist bis zu einem gewissen Grade auch denjenigen
Bauten eigen, die in Norddeutschland zunächst noch durch den
Einfluß der klaren palladiesken Spätrenaissance Hollands be—
stimmt worden sind. Denn einmal erfuhr dieser Stil in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch französische Einflüsse,
besonders den des Refugianten Daniel Marot, der Architekt des
Haager Hofes wurde, selber eine Umgestaltung im Sinne
reicherer Betonung der baulichen Formen; anderseits aber
und vor allem drangen die Elemente des süddeutschen Barocks
veit in den Norden vor.