Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 199
Am reinsten kamen gegenüber solcher Stilmischung die
holländischen Einflüsse, abgesehen von einigen Kirchen, noch in
Berlin zum Ausdruck; denn hier trug vom Großen Kurfürsten
his zur Thronbesteigung Friedrichs des Großen die maßgebende
Kunstauffassung mit geringen Unterbrechungen überhaupt
holländischen Charakter. Aus holländischem Geiste heraus ist
der ursprüngliche Entwurf des Zeughauses (1694 ff.) geschaffen
worden. Vornehmlich holländischen Geist atmet auch trotz aller
römischen Einflüsse der Gesamtcharakter des Berliner Schlosses,
so wie es Schlüter schaffen wollte; der Münzturm, dessen Sinken
schließlich die Entfernung des Meisters aus der Bauleitung
herbeiführte, war echt holländisch gedacht: denn grade für die
Turmformen hatte die holländische Renaissance die Grammatik
Palladios erweitert, indem sie, anknüpfend an die Holzausführung
der oberen Stockwerke holländischer Kirchtürme schon in gotischer
Zeit, vorwärtsgedrängt zudem durch den niederländischen Brauch
umfänglicher Glockenspiele, die oberen Turmgeschosse ins Freie
und Luftige und dadurch Leichtschwingende umgestaltete, den
Glockenstuhl zum beständigen, architektonisch reich entwickelten
Teile des Turmbaus machte und das Ganze mit durchbrochenen
Hauben oder Zwiebeln freudig abschloß.
Indem aber so Norddeutschland wenigstens an einer wichtig
werdenden Stelle den Zusammenhang mit den ruhigeren Formen
der holländischen Renaissance festhielt, schien zugleich eine Stätte
gegeben, an der derjenige Stil hätte einsetzen können, der, ob⸗
gleich entwicklungsgeschichtlich die naturgemäße Fortbildung des
Barocks, dennoch tektonisch der holländischen Renaissance, ja
überhaupt aller Renaissance auf den ersten Blick mehr zu
ähneln schien als dem Barock, das französische Rokoko.
II.
Zum Verständnis des Rokokos auch auf deutschem Boden
bedarf es des Rückblicks auf die Entwicklung der französischen
Architektur seit dem 16. Jahrhundert.