Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

200 J ZƷwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
In dem Frankreich des späteren 16. und des 17. Jahr⸗ 
hunderts wiederholten sich bis zu einem gewissen Grade die 
künftlerischen Gegensätze, die wir in den Niederlanden scharf 
geschieden kennen gelernt haben, und die auch das innere Deutsch⸗ 
land seit den Zeiten der Gegenreformation einigermaßen beherrscht 
haben: auf der einen Seite stand der Katholizismus und be⸗ 
vorzugte die Weiterentwicklung der Architektur etwa im Sinne 
des italienischen Barocks, auf der anderen der Protestantismus, 
in starker Anlehnung an die Gesetze der Antike, die er in den 
keuschesten Formen der späteren Renaissance, den Bauten etwa 
rines Palladio, so ziemlich verwirklicht glaubte. 
Aber während in den Niederlanden die Gegensätze des 
»lämischen Barocks und der holländischen Hochrengissance ge⸗ 
trennt verliefen und im inneren Deutschland das Barock des 
katholischen Südens auch im Norden immer mehr Boden fand, 
erhielten sich bei den Franzosen die Formen der Renaissance 
als herrschend, da ihnen der ausgesprochene Sinn der Nation 
für das einfach, ja kühl Verständige, haarscharf Formenrichtige 
und zugleich frisch und anregend Anmutige zugute kam. 
Damit war, da die Italiener noch bis tief in die erste 
Hälfte des 17. Jahrhunderts hinein als das führende Kunst— 
volk auch in Frankreich galten, die Anlehnung an Palladio 
und Scamozzi gegeben. Aber bald entwickelte sich doch aus 
dem Studium der italienischen Spätrenaissance ein eigner 
französischer Stil; Jacques Lemercier (1584 1654), der Archi- 
tekt der Sorbonne (16209 ff.), ahnt ihn schon; durchgebildet hat 
ihn dann eine folgende Generation von Architekten, Levau und 
vor allem der ältere Mansart (1598 1666). 
Und diese Emanzipation vollzog sich nun unter dem Ein— 
fluß eines gesellschaftlichen und geistigen Lebens der vornehmen 
Kreise, das seit Richelien jenen uns schon in den Grundzügen 
bekannten außerordentlichen Aufschwung nahm!. So fand denn 
der emporstrebende Stil, trotz aller Kirchenbauten, seine wesent⸗ 
lichste Entwicklung doch in der Architektur des Palastes. Dabei 
1S. oben S. 24ff.
	        
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