Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 201
wich der bauliche Typus, der hier zunächst entwickelt wurde,
von dem italienischen insofern noch nicht allzusehr ab, als auch
er der Typus eines städtischen Palastes war. Auch in Frank—
reich wurde daher zunächst auf den Aufbau mehrerer Geschosse
Wert gelegt, und auch hier kam es gern zu einem geschlossenen
Hofbau. Aber freilich: im einzelnen schlug der französische
Palastbau bald recht abweichende Wege ein. Legte der italie—
nische Bauherr auf das Großartige, Wuchtige Wert, so der
französische auf das Intime, war am italienischen Palast die
Straßenfront die Schauseite, von der aus sich der Reichtum
der Ausstattung nach der Gartenfront zu abstufte, so galt für
den französischen Palast so gut wie das Gegenteil; war dem
italienischen Palast die Ausstattung mit wohnlichen Zimmern
fast fremd, während Säle und Treppenhäuser in der repräsen—
tierenden Pracht von Bauformen erstrahlten, die aus der Außen—
architektur ins Innere gezogen waren, so wurden im französischen
Palast die Treppen, wenn auch reich, so doch mit Rücksicht auf
möglichst bequemen Gebrauch angelegt; als einer der wichtigsten
Repräsentationsräume bildete sich bezeichnenderweise der Parade—
bettsaal aus, und auf die Wohligkeit und Heimlichkeit der
eigentlichen Wohnräume wurde steigende Sorgfalt verwendet.
So wollte der französische Palast von vornherein von außen
weniger vorstellen als im Innern behaglich erwärmen, nicht
auf das Straßenleben und das Dasein im Freien war er be—
rechnet, sondern auf Abkehr von dem Treiben der Gasse und
auf Stunden heimlich-geselligen Verkehrs.
Unter diesen Umständen versteht es sich von selbst, daß
je länger je mehr die vereinfachten und ins Nationale um—
gesetzten Formen der italienischen Spätrenaissance das äußere
Gewand der französischen Paläste bildeten, bis man schließlich
fast auf die einfachsten überhaupt noch denkbaren Arten des
Fassadenschmucks mitteleuropäischer Häuser zurückwich. Im
Gegensatze aber zu diesem unscheinbaren Außengewand wurde
die architektonische, plastische, malerische, kurz die kunstgewerbliche
Ausstattung des Innern von Generation zu Generation ge—
steigert: in diese Richtung, mit der Absicht, die „biens6ance“.