Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 203
des Wortes her, dem jetzt wichtigsten Teile der Architektur,
sondern entwickelte sich aus Anderungen der Tektonik, wie diese
wiederum aus veränderten Bedürfnissen hervorgingen.
Der Sonnenkönig war inzwischen gealtert; die formen—
reiche Repräsentation des Königtums in den weiten Sälen des
Versailler Schlosses begann ihn anzuwidern; er sehnte sich ins
Ungezwungene; der Einfluß der Frau von Maintenon nahm zu,
manche Stunde des Königs war dem Verkehr mit seinen natür—
lichen Kindern gewidmet. So waren es nicht mehr die ge—
schlossen ragenden Paläste, die, wenn auch von Garten und
Park umgeben, ihn lockten; er suchte die gemütvolle Einsamkeit
des Landhauses. Und mit ihm, ja vor ihm empfand die Hof⸗
gesellschaft, empfanden Adel und Finanz, schließlich angewidert
durch den verstandesmäßigen Pomp des Barocks und des
Schwulstes, ein verwandtes Bedürfnis.
So bildete sich, einer Neigung des Königs wie den Be—
dürfnissen der französischen Gesellschaft spätestens der letzten
Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts überhaupt folgend, nach manch
früherer und gelegentlicher Anwendung, der Typus eines neuen
Palastes aus. Indem man den Palast ganz hineinstellte in
die freie Natur des Landaufenthaltes, schwand die Nötigung
zu stockwerkhohem Aufbau: vielmehr weit hingestreckt, einstöckig und
zweistöckig zum großen Teil, in Form von abgegrenzten Pavillons,
die bald durch weite Galerien verbunden wurden, erschien
der neue Schloßbau erwünscht. Und um den Hauptbau legten
sich Nebengebäude, Kavalierbauten, Orangerien, Menagerien,
und dies alles war umgeben von prächtigen, weitausstrahlenden
Gartenanlagen, deren architektonische Anlage mit ihren Orna⸗
mentbeeten und zugestutzten Bäumen und Sträuchern langsam
in die freie Natur überführte, vor allem in den noch meilen⸗
veit von regelmäßig angelegten Schneisen durchbrochenen Wald.
So entstand denn neben den alten Palastbauten, die ge—
legentlich noch immer weitergeführt wurden, das Ideal eines
beränderten Adels- und Fürstensitzes, an dessen Vollendung
Architekt und Gartenkünstler in gleicher Weise zu schaffen hatten;
und von großen Meistern, einem Hardouin-Mansart (1646 bis