Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 205
indem die Bauten kein architektonisches Gegenüber mehr hatten,
standen sie ganz anders als bisher der allgemeinen Lichtwirkung
des freien Himmels offen. So nutzte man denn die neuen damit
möglichen Effekte; die Fenster wurden immer größer, und bisher
unbekannte Massen hellsten Lichtes ergossen sich in das Innere
von Zimmerfluchten und Sälen.
Damit schwand in diesen alles, was die Reize eines
Rembrandtschen Helldunkels hätte vermitteln können; und so
konnte es nicht mehr die Aufgabe sein, dieses Helldunkel durch
den Reflex von tausend dunkelgetönten und polierten Wänden,
von tausend starken Profilen, überhaupt gebrochenen Linien und
Flächen hervorzurufen. Vielmehr einfache helle Tönung ward
zunächst zur Losung: gelblich, bläulich, rötlich, überhaupt
irgendwie gebrochenes Weiß, dem Gold entgegengesetzt, wurde
Modefarbe: die Farbenskala des Rokoko begann sich zu bilden.
Zugleich aber wich auch der figürliche Innenschmuck des
Barocks. Hatte das Barock allmählich fast alle Schmuckglieder
der Außenarchitektur ins Innere gezogen, um starke Schatten—
wirkungen zu erzielen, so wurde jetzt jedes hohe Relief, mithin
auch jedes tragende oder belastende tektonische Glied vermieden:
denn es unterbrach den freien Strom gleichmäßigen Lichtes.
So traten die Wände wieder als ununterbrochenes Ganzes
hervor; höchstens in den größten Prunkräumen, namentlich in
solchen, die zwei Stockwerke durchliefen, erschien eine Pilaster⸗
stellung noch erlaubt, und überall fiel das Getäfel hinweg,
während sich helle Sockel einfanden. Nicht minder verlor die
Decke die schwere Plastik und das Lastende des Barocks; als
gleichartige Fläche wurde sie jetzt gebildet; nur in den Gesimsen
erhielt sich noch eine Zeitlang einigermaßen die kräftigere Sprache
des Barocks, bis auch hier die gelindesten Profile einsetzten,
der Schmuck der Hohlkehle die Decke und Wand trennende
Leiste überwucherte und diese sogar selbst zum bloßen Zierglied
gemacht ward. Die Wände aber wurden jetzt, wie die Decke
nur mit heitrer Malerei ausgestattet wurde, architektonisch nur
durch ein wenig hervortretendes Rahmenwerk belebt, das durch
lisenenartige Striche unterbrochen wurde.