206 Swanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Indem nun diese Umgestaltungen eintraten, indem überall
an die Stelle des Trachtens ins Wuchtende und Erhabene das
Streben nach dem Anmutigen und Leichten gesetzt ward, wurde
zunächst, da man doch nicht ohne weiteres zur relieflosen Bemalung
übergehen konnte, das Stuckornament zum Beherrscher der Wand⸗
lächen. Es trat anfangs noch im Sinne einer Durchdringung
des italienischen Barocks mit den klassizistischen Anschauungen
der französischen Architektenschule auf, wie denn das Rokoko
auch später immer wieder neue Lebenskräfte aus dem Barock
gesogen hat: die Wandfüllungen zeigten fast nur geometrische
Formen; höchstens in den Ecken führte ein reich verschlungenes
Ornament die Linien ineinander über. Dabei war die An⸗
ordnung des ganzen Ornaments auch im einzelnen stets noch
iymmetrisch. Es ist der sogenannte Stil Louis XIV.
Aber bei dieser Ausbildung beruhigte man sich nicht. Auf
Ludwig XIV. folgten die üppigen Tage der Regentschaft;
wilde Feste verlangten eine ausgelassenere Dekoration, und der
durch Laws Zauberkünste zus ammenströmende Reichtum gestattete
weitere Ausschweifungen der Phantasie. So wurde die Dekora⸗
tion immer üppiger; die bisherigen einfachen, heiter und ruhig
herlaufenden Motive: ein geknicktes Band, Ketten kleiner Glocken—
blümchen, natürliche Blattranken, wurden energisch bewegt; die
Embleme, Stillleben und Verwandtes, die bisher den Mittel—
vunkt einer dekorierten Fläche gebildet hatten, entwickelten sich
zu größerem Reichtum: das reine Rokoko entfaltete sich; es
kamen die Tage Oppenorts und Watteaus. Oppenort (1672
bis 1742), der Sohn eines niederländischen Tischlers, wandelte
die Formen des italienischen Barocks fast völlig in einen neuen
Ornamentstil um, dessen Charakteristikum eine flotte und nach—
lässige Eleganz in der Wiedergabe des Figürlichen war, sowie
die Neigung, fast jede grade Linie aufzulösen und fast jedes tekto—
nische Glied in ein schmückendes zu verwandeln. Und Watteau,
der französische Flandrer aus Valenciennes (1684 - 1721), lieh
dieser Dekoration, an deren Entwicklung er selbst beteiligt war,
die eleganten und prickelnden Farben seines Pinsels. Vielleicht
aicht ganz so fein wie sein Landsmann, der frühgestorbene