Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 207
Pater, aber weitaus wirkungsvoller stellte er die Kunst des
Rubens nach Malweise und Inhalt auf den Ton der neuen
architektonischen Lichtführung ein: so wurden zugleich die derben
Szenen der alten Vlamen ins Frivole gezogen; die däftige
Pracht Antwerpens verwandelte sich in die Eleganz von Paris;
ind den Platz, den in den niederländischen Bildern des 17. Jahr⸗
hunderts der schwere germanische Mann breit und voll gedeckt
hatte, nahm jetzt die kokette Französin ein, sei es als Be—
herrscherin des Salons, sei es als Theaterschäferin auf der
grünseidenen Wiese eines höfischen Parkes.
Und noch einen Schritt weiter ging die Entwicklung.
Oppenort und Watteau wurden abgelöst durch Meissonier
(1683 1750) und Boucher (17035- 1770). Meissonier ist der
technische Hexenmeister, dem auf dem Gebiete des Ornaments —
und welcher Bauteil wurde von ihm nicht ornamental be—
trachtet? — alles möglich war; der geistreiche, kapriziöse Er—⸗
finder der Unsymmetrie des Rokokoornaments, dessen anmutiger
Windung nur noch ein gleichsam virtuelles ästhetisches Zentrum,
ein Gleichgewicht der ganzen ornamentalen Masse zugrunde
liegt; der wilde Zeichner, dessen Drang nach Aufsehen um
jeden Preis kein Mittel verschmähte, bis zur Ausnutzung des
der alten Renaissanceentwicklung ursprünglich so fernliegenden
vollen Realismus natürlich gegebener ornamentaler Elemente.
Und Boucher übertrug dies System Meissoniers in die Malerei.
Schon seine Palette ist auf die Architektur abgestuft: Blaugrau
und mattes Ziegelrot spielen, namentlich bei allegorischen Dar—
stellungen, eine beherrschende Rolle. Vor allem aber trifft er
in Zeichnung und Auffassung die lüsterne, kichernde, knisternde
Eleganz und die theatralische Mache Meissoniers, mögen seine
Figuren dem Griechenhimmel oder dem heimatlichen Dorfe,
mögen sie den Straßen oder den Palästen der Hauptstadt ent—
lehnt sein.
Meissonier und Boucher bezeichnen das Ende des Rokokos
in Frankreich. Das Ziel einer Entwicklung ist damit erreicht,
die sich folgerichtig aus dem Barock Italiens und ästhetisch mit